
Peter Hahne über die Banalisierung der Gesellschaft, verlorene Sicherheiten und die Freude auf die Ewigkeit.
Factum: Peter Hahne, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie: "Viele haben vom Lachen genug." Haben Sie den Humor verloren?
Hahne: Im Gegenteil! Wenn das Sprichwort "Wer zuletzt lacht, lacht am besten" stimmt, dann haben Christen immer Grund zum Lachen. Die Freude auf die Ewigkeit macht fröhlich in der Zeit.
Factum: Als TV-Mann berichten Sie regelmäßig über gravierende gesellschaftliche Missstände. Was berührt Sie persönlich noch?
Hahne: Dass immer mehr Menschen wochen-, ja monatelang tot in ihrer Wohnung liegen, bis sie gefunden werden. Oder die dramatisch steigende Zahl der getöteten Kinder im Krieg und im Mutterleib.
Factum: Was macht Sie so sicher, dass die Spaßgesellschaft am Ende ist?
Hahne: Weil alle vermeintlichen Sicherheiten weggebrochen sind, in der eine lustig-bequeme Kuschel- und Wohlfühlgesellschaft gedeihen konnte. Arbeitsplätze und Wohlstand sind genauso gefährdet wie Flugzeuge und Massenveranstaltungen ...
Factum: Wo sehen Sie die Schattenseiten unserer Spaßgesellschaft?
Hahne: Dass der Spaß inzwischen vor nichts und niemandem mehr Halt macht. Alles wird banalisiert und ironisiert, die letzten Tabus werden gebrochen. Eine Gesellschaft, der nichts mehr heilig ist, geht vor die Hunde.
Factum: Was ist daran falsch, wenn auch christliche Gemeinden ihre Botschaft mit Elementen der Spaßgesellschaft vermitteln?
Hahne: Wenn diese Elemente das Elementare verdecken, dann ist etwas faul. Die ja auch ernste Nachricht der Frohen Botschaft erträgt kein Allotria. Was aber nicht heißt, dass wir nicht die Menschen mit modernen Methoden dort abholen müssen, wo sie stehen. Es ist wichtig, die Grenzen im Auge zu behalten, was zur biblischen Botschaft passt und was nicht.
Factum: Sie beklagen, dass die Wertediskussion kaum mehr geführt wird. Wo soll sie beginnen?
Hahne: Am besten in den Familien, denn Werte wollen ja nicht als Worte erfahren werden, sondern als Begegnung. Wir brauchen keine Vorschriften, wir brauchen Vorbilder. Was in der Familie nicht gelebt und erlebt wird, kann keine Schule der Welt nachholen.
Factum: Eltern sollen ihre Erziehungsaufgabe vermehrt wahrnehmen, betonen Sie. Wo sollen sie es denn lernen?
Hahne: Ich plädiere für einen "Eltern-Führerschein", denn mir kann niemand begreiflich machen, dass Autofahren vom Gesetzgeber wichtiger und verantwortungsvoller eingestuft wird als das Erziehen von Kindern. Die christliche Gemeinde wäre für mich solch ein Lernort, wo man von den Erfahrungen anderer, getragen in Gemeinschaft, profitieren kann.
Factum: Was bedeuten die Erziehungsdefizite für die Zukunft unserer Gesellschaft?
Hahne: Ganz praktisch und auf den Punkt gebracht: Dass junge Leute keinen Ausbildungsplatz bekommen ? in Deutschland jeder Fünfte! ?, weil ihnen die Grundelemente von Allgemeinbildung und Lebenswissen fehlen. Eine "ungezogene" Gesellschaft zieht ihren Verfall förmlich an.
Factum: Woran liegt es, dass Eltern, Lehrer und Ausbildner keinen Respekt mehr genießen?
Hahne: Weil sie sich selber so selten als echte Autoritäten und Vorbilder zeigen und weil die Gesellschaft zugelassen hat, dass Autorität und Respekt lächerlich gemacht wurden. Die wichtigste Initiative, um den Bildungsnotstand zu überwinden, sehe ich in der Wiederherstellung der Autorität von Eltern und Lehrern.
Factum: Auch Sonntagsschullehrerinnen resignieren, weil viele Kinder respektlos und unkonzentriert sind. Wie kann ihnen geholfen werden?
Hahne: Indem ein Gebetskreis namentlich, regelmässig und zeitgleich für die Sonntagsschulstunden Fürbitte hält. Das wirkt Wunder! Und je glaubwürdiger unser Lebenszeugnis ist und je lebensnaher wir die biblischen Geschichten vermitteln, desto konzentrierter und respektvoller sind die Kinder. Nur Mut! Die uralte Bibel ist allemal spannender als der neue Harry Potter.
Factum: Sie beurteilen Maßlosigkeit als eine Sucht unserer Gesellschaft. Kann unsere Wirtschaft ohne diese Sucht überleben?
Hahne: Ja, indem sie den Menschen dient und nicht nur an ihnen verdient.
Factum: Sie zitieren die Münchner Trendforscherin Felizitas Romeiss und ihre Prognose über eine Renaissance existenzieller Wert- und Sinnfragen.Ist das nur eine Trendaussage mehr oder wirklich eine berechtigte Hoffnung?
Hahne: Hoffnung, die zunehmend Realität wird! Je mehr der Verlust der Werte als Mangel empfunden wird, desto grösser ist die Sehnsucht nach Massstäben und Orientierung. Es liegt an uns Christen, dieses Vakuum zu füllen, bevor Scharlatane und Ideologen uns zuvorkommen.
Factum: Was könnten Christen tun, damit es zur Trendumkehr kommt?
Hahne: Den Glauben selbstbewusst und offensiv leben. Sich nicht verstecken und sich nicht dauernd entschuldigen, dass man überhaupt da ist. Überzeugendes christliches Gemeinde-und Familienleben sind die besten Trendsetter. Wichtig ist eben, nicht nur sonntags als Christ identifizierbar zu sein.
Factum: "Kneipen und Kinos sind voller als Kirchen" lautet Ihr aktueller Befund. Glauben Sie allen Ernstes, dass sich das in zehn Jahren ändern wird?
Hahne: Hundertprozentig! Wir müssen allerdings mit obiger Antwort Ernst machen.
Factum: Sie zitieren einen amerikanischen Professor, der seine Studenten fragt, was sie tun würden, wenn sie nur noch ein Semester zu leben hätten. Was würden denn Sie tun?
Hahne: Nichts anderes als heute ? mich jedoch ein Jahr ganz konkret darauf freuen, dass ich sehen darf, was ich glaube, und dass ich auf Fragen Antworten bekomme, die Jesus einem nur in der Ewigkeit geben will. Und dass es kein "Warum?" mehr gibt.
Dieses Interview führte Andrea Vonlanthen für das "Chrischona-Magazin". Er übernimmt am 1. Mai 2005 die Chefredaktion von "ideaschweiz".
factum 01/2005, 25. Jahrgang, Schwengler-Verlag, CH-9442 Berneck, www.schwengeler.ch