Es kann wohl über den Menschen nichts Grösseres gesagt werden als dieser Satz. Gott hat eben nicht beim Affen Mass genommen und dann noch einmal ein paar Prozent Intelligenz draufgelegt ? und fertig war nach einer Millionen Jahre dauernden Evolution der Mensch. Nein, Gott hat an sich selbst Mass genommen ? und dann uns Menschen als sein Gegenüber geschaffen.
Selbst wenn der Körper dahinsicht.
Selbst wenn unser Leben beschädigt oder behindert ist, steht unsere Würde als Ebenbilder Gottes nicht zur Diskussion. Vor einigen Jahren starb 88-jährig meine Mutter, nachdem sie die letzten Jahre ihres Lebens altersverwirrt auf der Pflegestation einer diakonischen Einrichtung zugebracht hatte.
Dort habe ich sie dann jede Woche besucht. Zu den Ritualen dieser Besuche gehörte das gemeinsame Kaffeetrinken in der Cafeteria dieses Altenzentrums. Von unserem Stammplatz aus fiel mein Blick dabei immer wieder auf eine künstlerisch gestaltete Bronzetafel im Eingangsbereich. Auf dieser Tafel stehen unübersehbar diese Worte aus der biblischen Schöpfungsgeschichte: «Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.» In einem solchen Haus mag diese Aussage manchem wie eine Provokation erscheinen: Wie, diese gebrechlichen, hinfälligen, altersverwirrten und schwerstpflegebedürftigen Menschen sollen Ebenbilder Gottes sein? Ist das nicht ein Hohn? Nein ? es ist ein Trost! So sieht Gott uns an, dass wir seine Ebenbilder bleiben, selbst wenn unser Körper dahinsiecht, unser Geist verwirrt ist und unsere Seele verzagt. Während augenscheinlich unser Leben jeden Glanz verloren hat, wird ihm von Gott her bis zuletzt ein unauslöschlicher Wert und eine unzerstörbare Würde zugesprochen. Weil Gott unser Herz ansieht, sind wir auch in unserer Hinfälligkeit bei ihm am besten aufgehoben. Und wir sind zuversichtlich, dass er unser Leben in seiner Herrlichkeit einmal in neuem Glanz erstrahlen lassen wird.
Klaus Jürgen Diehl - ethos 1 | 2008 - www.ethos.ch