Christlicher Plakatdienst e.V.

 

Alfons Böllert: Schnaps blieb nicht das letzte Wort

Man schrieb das Jahr 1945, der zweite Weltkrieg mit all seinen Schrecken war vorüber. Die Spuren dieses Krieges, die Hoffnungslosigkeit, das scheinbar vergebliche Leid, die Frage nach dem "Warum" und "Wohin" beschäftigte jeden.

Überall Trümmer und Chaos, nicht nur in den Städten, sondern vor allem in den Herzen der Menschen. Ich erinnere mich gut an die vielen Anklagen, die ich in dieser Zeit zu hören bekam:

"Wie kann Gott so etwas zulassen!"

Trotzdem waren die Kirchen plötzlich wieder voll; man suchte in der Religion eine Antwort zu finden.

Den größten Teil meiner Schulzeit verbrachte ich im Luftschutzkeller und so waren die Jahre geprägt von der Sorge um das tägliche Überleben. Ich erinnere mich gut an folgende Situation: Mit meinen Schulkameraden ging ich den 7 km langen Weg von der Schule nach Hause, weil die Transportverbindung unterbrochen war Plötzlich hörten wir Tiefflieger über uns. Wir kamen uns vor wie Kaninchen, die auf freiem Feld gejagt werden. Wir schlugen Haken, um den Schüssen aus der Bordkanone zu entfliehen. Nachdem wir unbeschadet zu Hause angekommen waren, lautete unser Kommentar: Da haben wir aber Schwein gehabt!

Auch kann ich mich noch gut erinnern, dass in den Sekunden, in denen ich um mein Leben lief, die Frage in mir auftauchte: "Was passiert wenn plötzlich alles aus ist?" Je mehr ich dann zu Hause dieser Frage nachging, desto mehr tauchte dann eine andere Frage auf: "Was ist eigentlich 'Leben'?" ? Niemand konnte mir diese Frage beantworten, denn die Religion ? besonders die, in welcher ich aufwuchs ? hatte keine Antwort und konnte auch keine Antwort geben.

Damals war ich im 14ten Lebensjahr, also in einem Alter, in dem viele Fragen auftauchen. Ich lebte mit meinen Eltern in einem Dorf in der Nähe von Koblenz am Rhein. Mein Bruder war noch in Gefangenschaft und ich erlebte mit, wie Vater und Mutter sich um meinen Bruder sorgten. Bei jedem Klingeln an der Haustüre die Frage:

Ist er es?

Meine Eltern waren die besten Eltern, die es gab, und ich darf bezeugen, daß ich in einem Elternhaus aufwuchs, wo wir umsorgt wurden. Alle Liebe, die ein Mensch nur geben kann, gaben mir mein Vater und meine Mutter. Es tut mir weh, daß ich diese Liebe später mit Füßen getreten habe.

Ich glaube, keine Generation wurde so mit dem Tod konfrontiert wie die unsrige. Deshalb ist es verständlich, daß die Sehnsucht nach Leben in jedem von uns aufbrach. Mit dem Kriegsende tauchte ein neues Überlebensproblem auf: der Hunger. Obwohl meine Eltern strikt dagegen waren, tat ich, was alle taten: Alles, was nicht niet- und nagelfest war, ging mit.

Zuerst machte ich mir schon Gedanken über mein Tun, aber nach und nach wurde der Diebstahl etwas Normales. Da sich unter dem Diebesgut nicht nur Esswaren, sondern auch Alkohol befand, kam ich schon früh mit diesem Stoff in Berührung.

So entfernte ich mich innerlich immer mehr von meinen Eltern. Wie schwer muss es für sie gewesen sein, als sie sahen, dass ihr Sohn, in den sie bestimmte Hoffnungen gesetzt hatten, mehr und mehr die Verbrecherlaufbahn einschlug. Einmal auf dieser schiefen Ebene, gibt es dann kaum ein Halten mehr.

Ein wenig versuchte ich zu bremsen, indem ich eine Lehre als Speditions- und Schifffahrtskaufmann begann. Aber da kam ich vom Regen in die Traufe. Dort wurde ich jeden Tag mit Alkohol konfrontiert ? es verging kein Tag, an dem ich als Lehrling nicht ins Spirituosengeschäft fahren musste, um Schnaps zu kaufen. Man trank dieses Zeug aus Wassergläsern, und ich merkte schnell, dass dieser Schnaps mein Image aufpolierte. Immer wenn ich ihn trank, waren die Probleme verschwunden, und die Welt sah nicht mehr so trübe aus. Die Frage nach dem Sinn des Lebens erhielt ihre Antwort in der Flucht vor dem Leben.

In betrunkenem Zustand führ ich ? natürlich ohne Führerschein ? gegen einen Baum. Beim Aussteigen war mein erster Gedanke: "Da hast du aber Schwein gehabt!" Dennoch wurde mir in diesem Augenblick bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte.

Doch ein Zurück gab es auch nicht mehr. Um mich herum hastete und jagte alles nach Geld. Geld ist erstrebenswert, und mit Geld kannst du dir das Leben erkaufen, das waren meine Gedanken. Trotzdem kam immer wieder die innere Stimme: "Aber was kommt danach?" So drehte sich die ganze Palette der Zeit, bis mein Blick zu dem Punkt kam: "Die letzte Stunde meines Lebens." Irgendwann würde sie kommen, das war klar, und wieder stand diese Frage vor mir: "Was dann?

Ich merkte schnell, daß ich mich in einem Kreis befand, aus dem ich nicht herauskommen konnte. Die Erwachsenen um mich herum hatten keine Angst. Sie schimpften nur über die so tief gesunkene Jugend. Ihre Lebenserfüllung war Arbeit und Mühe, und dann kommt sowieso irgendwann das Ende. So steht es auch heute noch auf manchem Grabstein: "Sein Leben war Arbeit und Mühe für die Seinen." Das könnte genauso auf dem Grabstein eines Pferdes stehen. Mein Entschluß stand fest: Ich steige aus ? ich will leben und sei es noch so kurz.

Durch einen sogenannten Schicksalsschlag wurde ich wiederum gedrängt, die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens in der Religion zu suchen. Ich stieg mit allem Elan tief in den römisch-katholischen Mystizismus ein. Durch Meditation in Klöstern, durch Weihrauch ? ja durch alles, was mein Empfinden beeinflussen konnte, versuchte ich mich zu einem höheren Wesen hinaufzuschrauben.

Ich baute mir eine religiöse Leiter mit den selbst gezimmerten Sprossen guter Werke aber ich blieb innerlich nicht nur leer, sondern wurde immer zerrissener und durch die Selbstkasteiung ein Wrack und ein Schatten meiner selbst.

Die Schlussfolgerung war: Das ist nicht Leben! Aber wo kann das Leben sein? - Doch nur in einer lebenpulsierenden Großstadt. So siedelte ich mit knapp achtzehn Jahren dorthin um. Um wenigstens noch in etwa die Form zu wahren, wurde ich Student der Akademie für Welthandel. Ich trug mich in die einzelnen Fächer ein, besuchte aber keine einzige Vorlesung. Die Akademie sah mich lediglich an dem Tag meiner Eintragung. Ich nahm einen Job an, dem ich wenigstens am Anfang noch nachging.

Durch meine englischen Sprachkenntnisse fand ich sehr schnell Anschluss an das amerikanische Militär. Zu der Zeit gab es viele amerikanische Nachtbars, in die man nur in Begleitung amerikanischer Soldaten hinein kam.

Alkohol kannte ich bereits, was hier in diesen Bars noch dazukam, war Rauschgift, Marihuana, ein verhältnismäßig schwaches, aber tückisches Rauschgift. Nun, um an dieses Zeug heranzukommen, brauchte man Geld. Diebstahl war für mich auch nichts Neues. Neu für mich war lediglich der Handel mit dem Rauschgift.

Mit der Zeit war ich derart in diesem Netz gefangen, dass ich mich stets auf der Flucht vor der Militärpolizei befand.

Der Tagesablauf bestand darin, tagsüber ? wenn möglich ? zu schlafen und nachts in die Bars zu gehen. Nun kam der Sex noch dazu. Auch hier entdeckte ich schnell, dass damit Geld zu machen war, und so interessierte mich das weibliche Wesen weniger um meiner Befriedigung, sondern um des Geldes willen. Für mich ? aus der Rückschau gesehen ? eines der schlimmsten Verbrechen, das ein Mensch begehen kann.

Es ist ein brutaler Sklavenhandel: Der Mensch wird zur Ware. Skrupellos ging ich über alle menschlichen Regungen hinweg, um nur an das Ziel zu kommen: "Geld!"

Die Nächte kosteten viel. Die "Freunde", die man dringend brauchte, um gedeckt zu werden, verschlangen Unmengen. Ich hatte den Eindruck, je mehr Geld ich bekam, desto mehr brauchte ich. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Aussteigen zu geben schien.

Aber innerlich schrie meine Seele. Ich war trotz alldem, was ich mir leisten konnte, trotz der vielen Menschen um mich herum, unendlich einsam. Ich spürte den Schmutz meines Lebens.

Ich erinnere mich, dass ich morgens aus der Bar kommend ein Bad aufsuchte meistens am Hauptbahnhof, um die Spuren der Nacht abzuwaschen. Schlau, wie ich mich hielt nahm ich mir eine Wohnung, in der man am wenigsten einen Verbrecher vermutete. Ich zog in das Kolpinghaus und konnte dort gut meine Schau abziehen.

Vor dem katholischen Priester brauchte ich das noch nicht einmal zu tun.

Ab 1950 verschärften sich die Polizeikontrollen, weil mehr und mehr der deutschen Polizei die Kontrolle über die Stadt Frankfurt gegeben wurde. Wir bedauerten in diesem Fall die Gründlichkeit der Deutschen. Wie es kommen musste, ich wurde immer mehr in den Kreisen der Polizei bekannt.

Mit der Zeit verlor ich meine Ausweise, die Geldquellen versiegten, die Schulden wurden größer. Reisepass, Personal- und Studentenausweis lagen in verschiedenen Nachtlokalen.

So suchte mich nicht nur die Polizei, sondern auch die Besitzer der Lokale. Für eine Zeit konnte ich nach Belgien ausweichen, aber auch dort war der Aufenthalt nur von kurzer Dauer. Nach meiner Rückkehr konnte ich mich in Frankfurt kaum noch auf der Straße blicken lassen. Die Kreise, in denen ich mich bewegte, wurden immer finsterer. ? Verfolgt von außen und innen wollte ich Schluss machen, als mir ein amerikanischer Militärkoch das Angebot machte, mich in die Fremdenlegion zu schleusen.

Mir war wohl bewusst was das zu bedeuten hatte. Doch ich sah keinen anderen Ausweg. Ich schrieb noch einen Brief nach Hause ? mit dem kurzen Inhalt: "Ihr werdet Euren Sohn nicht mehr wiedersehen." Welch ein Schlag das für meine Eltern und auch für meinen Bruder gewesen ist kann man nicht schildern.

Nun hatte ich aber in dem Kolpinghaus noch einige Sachen, die ich gerne mitnehmen wollte. So schlich ich zurück, um meine Sachen zu holen. Doch der Portier entdeckte mich und sagte: "Du wirst gesucht!" Das war für mich nichts Neues, aber als er mir sagte: "Da kommt laufend ein Anruf von deinem Bruder", wagte ich es, doch noch wenige Augenblicke zu verweilen.

Mein Bruder sagte mir am Telefon seine Hilfe zu und versprach mir telegraphisch eine hohe Geldsumme zu senden. So bewahrte mein Bruder mich vor dem Eintritt in die Fremdenlegion. Nun, was tat ich nach diesem Anruf? Ich ging ins Hotel und bestellte mir, obwohl auch dort die Schulden hoch waren, eine Flasche Sekt. Der Kellner wußte von meinen Schulden und wollte mir nichts geben. Da besaß ich auch noch die Frechheit, mich bei dem Geschäftsführer zu beschweren.

Kurze Zeit später war ich auf der Verlobungsfeier meines Bruders. Gegen 22.00 Uhr brachte er mich zum Bahnhof, aber ich ließ den Zug fahren, setzte mich in ein Taxi und fuhr wieder zur Wohnung, wo gefeiert wurde. Ich wollte die Lieben überraschen, stellte meinen Koffer vor die Haustüre und kletterte an der Mauer hoch zur Veranda. Mit einem Sprung wollte ich mich am Balkon hochziehen, doch dieser war neu verputzt und der Putz war noch frisch. So stürzte ich ab in den Garten und mit der Wirbelsäule genau auf die in den Boden gesteckten Steine.

Erst als ein Nachbar meinen Bruder darauf aufmerksam machte, dass vor der Tür ein Koffer stand, begannen sie die Suche nach mir und fanden mich im Garten. Als mein Vater sah, wie ich da lag, befahl er, mich nicht anzurühren und rief den Krankenwagen. Auch diese Leute veränderten meine Lage nicht sondern so, wie ich fiel, wurde ich auf den OP-Tisch gelegt. Der Arzt teilte dann mit: "Doppelter Wirbelsäulenbruch, wahrscheinlich querschnittsgelähmt."

So lag ich nun vom Kopf bis zum Fuß in Gips verpackt und konnte über mein Leben nachdenken. Vier Wochen lang hatte ich keine Reflexe in den Füßen und im Magen ? war ich also doch querschnittsgelähmt? Heute erinnere ich mich, dass ich in dieser Zeit oft über Gott nachdachte.

Er war mir ein weit entfernter Gott, und ich konnte mit ihm nichts anfangen. In den Nächten, wenn ich nicht schlafen konnte, war es mir, als ob dieser Gott mir ganz nahe wäre. Doch ich war noch nicht bereit die Schuld in mir zu suchen. Jeder andere war schuld, nur ich nicht. Ich gab sogar denen die Schuld, die sich stets in Liebe um mich sorgten.

Eines Morgens, nach der Untersuchung, sagte der Arzt: "Herr Böllert, Sie haben Schwein gehabt! Ihre Reflexe kommen zurück und nach einigen Monaten werden Sie wieder laufen können." Trotz dieser Mitteilung wurde ich innerlich nicht froh, denn ich wusste, das war nicht mein Problem, mein Problem war viel tiefer.

Ich sah junge Menschen um mich herum, die scheinbar zufrieden ihren Lebensweg gingen: Junge Menschen, die ihr Leben in der Hand hatten, so schien es jedenfalls. Ich stellte Fragen an diese jungen Leute, die mir stets ihren Lebensweg in rosaroten Farben schilderten. Die Gespräche liefen immer ganz gut bis wir dann an den Punkt kamen: Und was dann? Irgendwie muss das Leben doch einen tieferen Sinn haben, als eine glückliche Ehe und einen sicheren Beruf. Wenn es wirklich einen Schöpfergott gibt, dann muss doch dieser Gott in seinem Plan ein Ziel für den Menschen gehabt haben. Ich merkte, diese Menschen haben an einer Stelle aufgegeben, resigniert! Sie wollen sich nicht mit der tieferen Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigen.

Kurze Zeit später versuchte ich es noch einmal im Gespräch mit einem katholischen Priester. Das einzige, was er mir zu bieten hatte, war dies: "Versuch dein Leben recht und schlecht zu leben, glaube an die Kirche! Irgendwie wird es weitergehen!" Aber mir war so klar: Das ist nicht die Wahrheit!

Jetzt begann ich die Menschen zu hassen, die tagtäglich zur Kirche liefen. Sie kamen mir vor wie Mastochsen, die zu ihrer eigenen Schlachtung liefen.

Nachdem man mir gesagt hatte, dass ich wieder ganz gesund würde, verschaffte ich mir nach und nach Schlaftabletten, teils gesammelt, teils abends von dem Tablett der Schwester gestohlen, um einzuschlafen und nie wieder wach zu werden. Doch mein Selbstmordversuch fiel auf. Mein Nachbar rief den Arzt nachdem ich auf sein Rufen keine Antwort mehr gab und auch nicht mehr geben konnte. Das war für die Ärzte zu hoch, Sie meinten, sie hätten mir doch eine positive Auskunft gegeben: "Du wirst gesund!" ? Und dann so etwas. Ich erzählte dem Arzt mein Problem, bekam aber kein Antwort.

Von dem Augenblick des gescheiterten Selbstmordversuches an beschäftigte mich nur eines: "Einmal wird es dir gelingen, Schluss zu machen!" Nachts kamen mir die Gedanken meiner Schuld, meines ganzen Versagens. Heute weiß ich, dass es ein Reden Satans war: "Schau mal dein Leben ist gelaufen! Was ist noch übrig von dir. Komm, wirf den Rest doch auch noch weg!"

Die Bibel sagt: "Der Lohn der Sünde ist der Tod" (Röm. 6,23). Satan präsentiert die Rechnung, und wenn er sich auch manchmal viel Zeit dazu lässt ? einmal kommt der Augenblick in jedem Menschenleben.

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war ich voller Hass auf meine Umgebung, auf mich, auf alles. Mein erster Weg führte in die Kneipe. Sich dort einmal so richtig volllaufen lassen, alles vergessen! Doch schon während ich trank, wurde mir klar, dieses Vergessen ist nur für kurze Zeit.

Meine Eltern nahmen mich liebevoll auf, und ich nahm mir vor, etwas netter und freundlicher zu ihnen zu sein. Ich lebte eigentlich ein Doppelleben: Zuhause versuchte ich den braven Jungen zu spielen, während in den Kneipen mein altes Leben weiter lief. Obwohl mein ganzer Verdienst in die Gaststätten ging, reichte er nicht aus, die Zeche zu bezahlen. So musste mein Vater auch noch diese Schulden tilgen. Wie gemein ein Mensch sein kann, habe ich an mir selbst erfahren: Als ich merkte, der Vater zahlt, machte ich noch mehr Schulden.

Nun nahm ich nochmals einen Anlauf herauszukommen, indem ich es mit Philosophie und fernöstlichen Religionen versuchte. Für kurze Zeit war der Alkohol tabu, aber was ich in dieser Zeit erlebte, möchte ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen. Dagegen war der Alkohol ein Kinderspiel! Ich konnte keine Nacht mehr schlafen. Erst meinte ich, ich würde mich in einem Delirium befinden, aber dann stellte ich fest: "Nein, das sind die Dinge, mit denen du dich beschäftigst."

Die Gedanken an den Selbstmord wurden immer stärker, und ich erinnerte mich an meinen ersten vergeblichen Versuch im Krankenhaus. So besorgte ich mir wieder Tabletten und ich stellte fest: Mit ein wenig Alkohol hatten diese Tabletten dieselbe Wirkung wie ein Vollrausch. Nach dieser Entdeckung vergaß ich schnell die Selbstmordabsichten und begann nun, wie ein Apotheker mit Medikamenten zu experimentieren.

Ein gefährliches Spiel begann. Anfangs machte es mir Spaß, auszuprobieren, wieviel Schlaf- und Schmerztabletten ich mit Alkohol vertragen konnte. Mir war klar, wenn ich die Grenze überschritt, würde ich im Krankenhaus wieder erwachen. Um das zu verhindern, ging ich in den Wald, damit mich niemand finden konnte.

So war ich nicht nur Stammkunde in der Gaststätte, sondern auch in den Apotheken. Ließ ich einmal die Tabletten weg, begann die Hölle! Zuerst Zittern, dann Schweißausbrüche! Mit den Fingern kratzte ich die Wand ab. Oft waren die Fingerspitzen am Morgen blutig und das Blut brachte mich auf eine neue Idee: Ich nahm eine Rasierklinge und schnitt kreuz und quer meine Brust auf. Da ließ das Zittern nach, die Schweißausbrüche hörten auf. Den Ärzten war dies ein Phänomen.

Mehr und mehr sonderte ich mich von der Gesellschaft ab und wurde ein Einzelgänger. Doch in dieser ganzen Not wußte ich, es musste irgend etwas geben, das man Leben nennt!

Ich schreibe das alles nicht, um meine Schandtaten aufzuzeigen. Welchen Ruhm sollte ich auch damit einheimsen? Denn wer gibt schon gerne sein Versagen zu und wer zeigt schon gerne seine schlechten Seiten? Ich muss dies alles schreiben, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, aber auch um zu zeigen, wie schlau Satan ist. Seine Taktik ist immer die gleiche: Er zeigt dir seine Angebote: Alkohol, Drogen, Sex usw.! Aber wie Seifenblasen zerplatzen sie in deiner Hand, und du suchst nach neuen. Diese Seifenblasen werden immer schillernder, aber auch immer gefährlicher. Laß dich nicht beeindrucken von den Menschen um dich herum, wenn sie auch noch so einen erfüllten und zufriedenen Eindruck machen. Sie sind alle auf dem gleichen Weg wie du. Ohne die Klärung der Schuldfrage ist es völlig gleichgültig, ob jemand in weichen Kissen oder vollgepumpt mit Drogen auf einer Parkbank stirbt. Ohne die Antwort auf die Lebensfrage ist es egal, ob du als biederer Ehemann durchs Leben gehst - oder als Verbrecher.

Mein erster Psychologe sagte mir: "Du musst einfach vergessen und von neuem anfangen." Aber auf meine Frage: "Auf welchem Fundament soll ich dann wieder aufbauen?" hatte er keine Antwort. Er sagte: "Ignoriere die Schuld! Es gibt keine Sünde, das ist alles nur Einbildung." Nun, sollte das denn alles Einbildung sein, was mich mein Leben lang quälte, was mich nicht zur Ruhe kommen ließ? Wie ein Berg stand die Schuld über mir, und sie konnte mich jeden Augenblick zermalmen. Sollte das alles Einbildung sein? Übrig blieben nur ungelöste Fragen.

Danach versuchte ich es mit Ideologien, eigentlich war es mir gleichgültig, mit welcher. In Marx und Lenin vermutete ich Menschen, welche die Antwort auf die Frage nach dem Leben gefunden hatten. Doch nach kurzem Studium merkte ich, daß sie genauso im Dunkeln tappten wie ich.

So nach und nach ekelte mich das Leben in den Gaststätten an, und ich zog mich in die Einsamkeit zurück. Ich wollte einfach keine Menschen mehr sehen, ich hasste sie, weil niemand eine Antwort auf meine Not und auf mein Elend hatte.

In dieser Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit baute ich mir mein eigenes kleines Reich auf, und in diesem Reich herrschte der Alkohol und die Tabletten. Ich wusste genau, was ich pro Tag brauchte, und so war mein Tagesablauf nur von dem einen Gedanken beherrscht: "Wie komme ich an meinen Stoff?"

Ich hatte die Sachen so gut versteckt dass ich oft selbst nicht wusste, wo ich suchen sollte. Es konnte geschehen, dass ich nachts draußen im Garten mit dem Schlafanzug herumlief und im Boden nach meinen vermeintlichen Schätzen suchte. Zitternd (nicht nur vor Kälte) war ich dann glücklich, wenn ich mit dem Gefündenen wieder in mein Zimmer kam. Die Enttäuschung war groß, wenn ich nichts fand, denn ich wusste, nun kamen schlimme Stunden bis endlich die Apotheke oder ein Kiosk aufmachen würde.

Mein Arbeitgeber zeigte enorme Geduld mit mir, aber entsprechend meiner schlechten körperlichen Verfassung war auch mein Verdienst. So wurde ich ein Künstler im Betteln, besonders bei meiner Familie. Ich fand immer wieder neue Argumente, immer wieder neue Ausreden, und wenn es auch nur Pfennige waren, so war ich froh, denn ich kaufte ja den billigsten Stoff.

Schlimm wurde es, nachdem mich die Apotheken in der näheren Umgebung kannten und mir nichts mehr geben wollten. So lief ich dann oft Kilometer weit oder fuhr mit dem Fahrrad in andere Orte. Oft stand ich lange vor der Apotheke bis der Verkäufer, von dem ich wusste, dass ich ihm bekannt war, einmal nach draußen ging. Dann stürzte ich schnell hinein und versuchte es bei einem anderen Verkäufer. Kaum aus der Apotheke heraus, hatte ich schon zehn Schlaftabletten im Mund. Es schmeckte scheußlich, der Magen drehte sich förmlich um. Aber nur nicht brechen, denn dann war alles umsonst. Nun wusste ich, dass ich spätestens in einer halben Stunde mindestens acht Schmerztabletten nehmen musste, damit die Wirkung der Schlaftabletten eine andere Richtung nehmen würde. Dann nach kurzer Zeit mindestens drei Flaschen Bier hinterher und dann war der Tagesbedarf wieder gedeckt.

Jeder kann sich ausrechnen, wie es nach kurzer Zeit mit meinem Gesundheitszustand aussah. Zu allem Überfluss wurde ich auch noch von vielen bedauert weil die wenigsten ja wussten, woher dieses schlechte Aussehen kam.

So kam es, wie es kommen musste, ich wurde mit einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus eingeliefert. Der Arzt sagte mir später: "Wir gaben nichts mehr für dich! Dass du nochmal wach wurdest, grenzt an ein Wunder." Das war das Stichwort für mich. Trotz der Entziehungserscheinungen, die nunmehr eintraten, hatte ich wiederum Zeit, über mein Leben nachzudenken. Ich ging in Gedanken die einzelnen Stationen meines Lebens noch einmal durch und kam immer wieder auf das eine: "Wunder über Wunder!" Eigentlich müsste ich ja schon längst nicht mehr da sein! Die Redensart "Schwein gehabt" schien mir doch für das alles zu billig zu sein.

Wieder kam bohrend die Frage: "Ist da nicht doch ein höheres Wesen, das seine Hand über dich hält? Ist da nicht doch ein Schöpfer, der dich in seine wunderbaren Pläne mit einbezogen hat? Hat dieser Schöpfer nicht doch noch einen Sinn für dein Leben?"

Vor meinem Krankenhausfenster stand ein Baum. Immer wieder musste ich dahin schauen. Sollte das alles Zufall sein, wie er in seiner ganzen Blütenpracht da stand, sollte nicht hinter diesem wunderbaren Gebilde ein Schöpfer sein?

Nun, wenn dieser Schöpfer so viel von seiner Liebe und Größe in diesem Baum zeigt sollte er sich dann nicht auch mit mir beschäftigen, der ich doch als Mensch für ihn weit wichtiger sein müsste?

In diesen Tagen war ich der Erfüllung meiner Herzenssehnsucht sehr nahe. Ich versuchte auch zu beten, denn ich wollte mich diesem Gott in der mir bekannten religiösen Art und Weise nähern. Ich versprach, mich zu bessern, obwohl ich sofort erkannte: "Es ist unmöglich!"

Nachts wurde ich oft wach. Es war mir, als ob ich eine schwere Last mit auf einen Berg schleppen müsste. Immer wieder: "Du schaffst es nicht! ? Wohin mit deiner Schuld?" Dann versuchte ich, die Schuld abzuwälzen. Ich teilte meine Schuld auf: Der Gesellschaft gab ich einen Teil, meiner Umgebung, die ja meiner Meinung nach wirklich schuld war, gab ich den anderen Teil. In jedem und in allem suchte ich die Schuld, nur nicht in mir!

Nach einigen Wochen war ich dann wenigstens körperlich wieder soweit hergestellt, dass ich mit den besten Vorsätzen nach Hause konnte. Erstaunlicherweise schaffte ich den Anschluss an die Gesellschaft. Ich suchte mir Freunde und lebte eigentlich ganz normal mit ihnen in den Tag hinein. Die Tabletten ließ ich weg und versuchte, mit wenig Alkohol über die Runden zu kommen. Nun, mit wenig Alkohol fällt man ja nicht auf, das gehört ja heute zum guten Ton.

An einem Abend ging ich mit meinen Freunden tanzen und lernte ein Mädel kennen, das mir sofort gefiel, und auch sie schien mir nicht abgeneigt zu sein. Einige Tage trafen wir uns, aber dann kamen wieder die alten Ganoven und nahmen mich ganz in Beschlag. Als Deckmantel beschäftigte ich mich mit der Politik. So war ich wenigstens ein angesehener Alkoholiker.

Doch weil mich das Ganze mit der Zeit auch anekelte, stieg ich auch dort aus. Genau ein Jahr war vergangen, da sah ich an einem Abend das Mädel wieder, und wir begannen eine Freundschaft.

Jeder Mensch hat mehr oder weniger schauspielerisches Talent, so auch ich. Es gelang mir, meine neue Umgebung zu täuschen, besonders meine Freundin. Im Rheinland liebt jeder einen fröhlichen Typ. Wenn ich meinen Alkohol hatte, war ich ein guter Gesellschafter mit immer neuen Einfällen. So hatte eigentlich niemand Einwände, als ich meine Freundin heiraten wollte. Wir heirateten im Jahre 1957 an einem stürmischen Novembertag. Und so wie dieser Tag war so sollten auch die ersten zehn Ehejahre sein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein eigenes Leben ruiniert. Nun begann ich auch meine Frau und meine Familie mit in das Chaos hineinzuziehen.

Einige Wochen nach der Hochzeit musste einfach die Fassade fallen, denn soviel Kraft hatte ich nicht, um mein Gesicht zu wahren. Die Kneipe wurde mein Heim, dort waren meine Freunde. Zu Hause war ich fast nur noch, um zu essen. Weil ich wenig Nahrung benötigte, war ich auch dementsprechend wenig zu Hause.

Als das erste Kind unterwegs war, hofften wir: Nun wird alles besser! Neue Aspekte öffneten sich, auch meine Frau fand wieder neue Hoffnung. Aber die Fesseln der Sucht waren stärker als ich dachte.

Eines Tages wollte ich zur Kneipe gehen, hatte aber kein Geld mehr. Ich bat meine Schwiegermutter, die mich aber zu diesem Zeitpunkt schon durchschaute, um Geld. Sie verweigerte es mir und eine Wut die ich so bis dahin nicht kannte, steigerte sich. Ein Streit entstand. Meine Frau war im fünften Monat schwanger. Als ich merkte, dass sie sich während des Streites auf die Seite meiner Schwiegermutter stellte, schlug ich zu. Meine Frau stürzte in ihrem Zustand zu Boden. Dieses Bild werde ich nie vergessen. Wie weit kann ein Mensch kommen, dass er seine schwangere Frau zu Boden schlägt.

Und das nur, um ein paar Mark für Alkohol zu bekommen. Hier merkte ich, daß die Sucht mich schon so gepackt hatte, daß ich selbst vor einem Mord nicht zurückschreckte. Die Bibel sagt: "Der Satan ist ein Mörder von Anfang an!" Einmal in den Klauen dieses Tyrannen gibt es ohne göttliche Hilfe kein Entrinnen. Er macht seine Handlanger auch zu Mördern. Erst zerstören sie ihr eigenes Leben und dann das Leben anderer. Alkohol ist sein größter Helfershelfer, um dieses Ziel zu erreichen. Wie viele Ehefrauen haben dies an ihrem eigenen Leibe schon erfahren, und wie viele müssen es täglich erfahren?

Ich half meiner Frau wieder auf, aber ich wusste, hier ist ein Bruch entstanden, den kein Mensch mehr kitten kann. Das kann eine Frau nicht verzeihen! Es ging ja nicht nur um sie, nein, sie trug ein Kind unter ihrem Herzen, für das sie ihr eigenes Leben hergegeben hätte. Nun kommt der Vater und schlägt beide zusammen.

Hatte Gott bisher in meinem Leben seine große Geduld bewiesen, so durften wir auch hier wieder ein Wunder erleben. Die Untersuchung ergab: Das Kind hatte keinen Schaden bekommen. Meine Frau war natürlich sehr froh darüber, und ich nahm ihre Freude als Vergebung an, obwohl mir klar war: Diese Schuld hast du zu deinen vielen Schulden hinzugefügt.

Wenn das Gewissen überladen ist braucht es ein Ventil. Für mich war dieses Ventil der Alkohol. Zu dieser Zeit hatte ich ein Gespräch mit einem Arzt. Wir kamen auch auf den Glauben zu sprechen. Doch wie kann jemand etwas weitergeben, bzw. Hilfe geben, wenn er selbst keine Hilfe gefünden hat. Er sagte mir: "Ich glaube nur, was ich sehe!" Ich antwortete ihm: "Aber ich weiß um die Existenz meines Gewissens, und doch kann ich es nicht sehen." Das Argument mit dem "Nicht Sehen" kann also nicht stimmen. Es ist nicht ganz logisch, zu sagen: "Ich glaube nur, was ich sehe!"

Ich sagte dem Arzt: "Komm einmal zu mir, so gegen Morgen, wenn der Alkoholspiegel sinkt und mein Gewissen sich meldet. Dann kann ich dich von der Tatsache überzeugen, dass es ein Gewissen gibt!" Etwas Positives hatte das Gespräch: Mir wurde klar, irgend etwas in dir schreit nach Befreiung. Das Gewissen ist nur der Richter, der dir stets dein Urteil vorhält. Diesen Richter kann ich nicht so leicht beeinflussen. Es sei denn, dass ich ihn betäube mit Alkohol. Aber sofort wenn der Alkoholspiegel nachläßt meldet sich dieser Richter. Ich erkannte: "Es ist möglich, die ganze Welt zu betrügen, aber diesen Richter in dir kannst du nicht so leicht betrügen."

Alkoholiker sind von Natur aus nicht unbedingt dumme Leute, obwohl sie oft so dargestellt werden. Sie sind eher raffiniert, sonst würden sie gar nicht so lange durchhalten. So konnte ich jedenfalls meinen Arzt von der Existenz eines Gewissens überzeugen. Möglicherweise hat er sich selbst einmal geprüft und sein Gewissen entdeckt. Bei einem weiteren Besuch sagte er mir: "Gut aber es gibt nichts, für das die Medizin kein Mittel hätte, es sei denn gegen Krebs oder eine andere unheilbare Krankheit. Weißt du, wir stellen dein Gewissen kalt. Nimm einmal diese Tabletten! Du wirst merken, die machen dich ganz ruhig. Du darfst nur nicht zu viel nehmen!" Nun war ich wieder da angelangt, wo ich einmal ausgestiegen war, nur jetzt auf legalem Weg.

Zu Hause konnte ich meiner Frau sagen, ich brauche jetzt dringend diese Tabletten und nicht zu knapp, denn wenn ich ruhig bin, dann hast du auch Ruhe. Genauso war es auf dem Büro, die Alkoholfahne war weg. Doch ich war immer high! So wurde ich nun, allerdings zum Leidwesen meines Stammwirtes, Stammkunde bei dem Arzt. Bald kam ich mir vor wie ein Versuchskaninchen. Alles, was er an Medikamenten neu bekam und das schien, gemessen an dem, was er mir mitgab, nicht wenig zu sein, sollte ich ausprobieren. Er warnte mich zwar immer, nicht zuviel zu nehmen. Aber an Hand der Menge, die er mir gab, hätte er eigentlich zu dem Resultat kommen müssen, dass ich viel zu viel nahm. Mit der Zeit wurde ich so geschult in der Zusammensetzung der Medikamente, dass ich manchem Apotheker das Wasser reichen konnte.

Im Januar 1963 wurde uns noch eine Tochter geboren. Das ließ unsere Familie für kurze Zeit ein wenig aufleben. Aber bald sollte es rapide bergab gehen mit mir und auch mit unserer Ehe. Ich brauchte meine Sucht nicht mehr verheimlichen. Ich durfte jetzt legal darüber reden. Die Krankenkasse kam mir zu Hilfe. Sie stellte fest daß Alkoholismus eine Krankheit ist. Nun war ich gedeckt. Ich war nun ein armer kranker Mann und ließ mich bedauern, wo es nur ging. Weil ich krank war, brauchte ich auch Medizin, und die nahm ich regelmäßig zu mir: jeden Abend eine Flasche Schnaps.

Nun begann für unsere Familie ein Wanderleben. Auch wenn ich als Spedifionskaufmann gute Arbeit leistete, verlor ich dennoch manche Arbeitsstelle durch die Sucht. Nach einem Arbeitsstellenwechsel zog ich wieder in meinen Heimatort aber es war gerade ein Jahr der Arbeitslosigkeit. Ein ganzes Jahr war ich ohne Arbeit. In dieser Zeit tat ich das gleiche, was ich schon einmal getan hatte: Ich baute mir mein eigenes Reich auf. Meine Gedanken drehten sich nur immer um "Stoff".

Für meine Lieben war es die Hölle. Wenn ich morgens das Haus verließ, wusste niemand, ob ich nochmals lebend nach Hause kommen würde. Im Krankenhaus war ich Stammgast wegen meiner Unfälle. Einmal stürzte ich mit dem Fahrrad und lag, dem Polizeibericht nach, eine Stunde mit dem Kopf auf der Landstraße und mit dem Körper im Graben. Man fand mich und brachte mich ins Krankenhaus. Eine Spritze zur Betäubung brauchte man mir nicht zu geben, denn der Alkoholspiegel war so hoch, daß ich das Nähen am Kopf und im Gesicht nicht spürte. So war ich bei den Ärzten bekannt. Ihr Kommentar beim jeweiligen Einliefern: "Nun lebt der Lump immer noch!"

Hier möchte ich ein Ereignis erwähnen, das illustriert wozu die Sucht fähig macht. Ich besuchte des öfteren das Grab meines Vaters. Die Nachbarn staunten darüber, sie wussten ja nicht, warum ich dies tat. Ich hatte mir nämlich unter dem Grabstein eine regelrechte Bar-Apotheke eingerichtet. So saß ich auf dem Grabstein und war in meinem eigenen Reich, oft bis in die Nacht hinein. Meine Mutter, die durch einen Schlaganfall ans Haus gebunden war, gab mir öfters Geld, um neue Blumen für das Grab zu kaufen. Doch das meiste von diesem Geld wurde in Alkohol und Tabletten umgesetzt.

Die Not und die Armut zu Hause nahmen immer mehr zu. Meine Frau hatte kaum Geld, um Brot zu kaufen, geschweige denn etwas für die Kinder. Die ganze Situation ging natürlich nicht spurlos an den Kindern vorbei. Mein Sohn kam ins erste Schuljahr, aber er konnte nicht lernen. Die Aufregungen bis in die Nacht hinein machten es dem Kind unmöglich.

Nur in den wenigen Stunden des Nüchternseins erkannte ich die ganze Not und sah meine Ohnmacht, an dieser Situation etwas zu ändern. Nach einer solchen Erkenntnis fasste ich den Entschluss, endgültig meinem Leben ein Ende zu bereiten. Ich dachte dabei weniger an mich, sondern ich wollte meine Familie von der Not befreien! Ich kann nur darüber staunen, welche Liebe meine Frau in all dieser Zeit für mich aufbrachte, eine Liebe, die man nicht beschreiben kann.

Wie angedeutet plante ich also meinen Selbstmord. Ich schaute mir den Speicher in unserem Haus an, prüfte die Balken, doch bei meinem geringen Gewicht brauchten sie nicht besonders tragfähig zu sein. Dann besorgte ich mir einen Strick und legte ihn neben den Balken, prüfte die Höhe, stellte einen Eimer hin, den ich dann umstoßen wollte. Ganz ruhig ging ich zurück und legte mich ins Bett.

In dieser notvollen Nacht lag ich wach und überdachte mein ganzes Leben. Alle Stationen traten vor meine Augen! Ich habe die ganze Nacht geweint aber die Tränen nützten nichts. Die Kinder schliefen nebenan. Ob sie überhaupt schliefen? Wie viele schlaflose Nächte hatte ich meiner Frau und den Kindern bereitet! In dieser Nacht wusste ich: Satan präsentiert dir die Rechnung. Die Bibel sagt: "Der Lohn der Sünde ist der Tod." Der Tod ist die Bezahlung für die Sünde.

Nun war es soweit es gab kein Zurück. Es sollte nun in die Dunkelheit in die Finsternis hineingehen, vor der ich immer Angst hatte. Ich sollte also doch abscheiden, ohne Antwort auf meine Frage: Was ist nach dem Tod? Mein Trost war, daß ich es ja bald erfahren würde. Wenn mir hier niemand Antwort geben konnte, dann würde ich es bald selbst erfahren.

In aller Frühe ging ich auf den Speicher. Es war eine Totenstille im Haus. Die richtige Atmosphäre für mein Tun. Ich legte den Strick, den ich vorher fest am Balken befestigt hatte, um den Hals. Total leer im Kopf und vor allem total nüchtern stellte ich mich auf den Eimer und stieß ihn um. Die Luft blieb weg und mir wurde schwarz vor Augen! Kurze Bilder des Grauens über mein Leben gingen mir durch den Kopf.

Doch es sollte erneut ein Wunder geschehen und zwar, wie nachher rekonstruiert auf folgende Weise: Nachdem ich zum Speicher ging, kam kurze Zeit später mein siebenjähriger Sohn nach und sah den Vater am Strick hängen. Er konnte den Strick durchschneiden, und ich fiel zu Boden. Dann rief er meine Frau und man trug mich nach unten. Es ist unmöglich, zu beschreiben, welchen Schock mein Sohn in besonderer Weise, aber auch meine Frau durch diese Tat davontrugen.

Wie oft hören wir gerade in unserer heutigen Zeit dass Menschen Selbstmord begehen oder Selbstmordversuche unternehmen. Es wird meistens angenommen, dass dies eine Kurzschlusshandlung ist. Ich weiß aber, dass es in den meisten Fällen eine geplante Handlung ist.

Für mich wurde damals deutlich, dass ein höheres Wesen meine Absicht verhindert hatte. Da meine religiösen Bemühungen gescheitert waren, musste also dieses Eingreifen in mein Leben von diesem "Unbekannten" kommen.

Ich berichtete von der übermenschlichen Liebe und Geduld meiner Frau und meiner Kinder mir gegenüber. Aber einmal ist jedes Maß voll und so war es auch bei uns. Wir schrieben das Jahr 1967 und die Not in unserer Familie wurde immer größer. Das Arbeitslosengeld war wenig, und das meiste davon verbrauchte ich noch. Die seelische Not meiner Frau und der Kinder war auf dem Höhepunkt. Ich war nur noch ein Wrack, Gehirn, Leber und Nieren waren kaputt. Da stellte mir meine Frau ein Ultimatum. Sie sagte: "Wenn du jetzt nicht in eine längere Entziehungskur gehst, dann lasse ich mich scheiden."

Das Wort Scheidung war für mich wie ein Alptraum. Denn ich wusste, wenn ich meine Familie verlieren würde, dann war wirklich alles aus. Ich drehte und wendete mich zwar noch hin und her, versprach nochmals, dass ich von mir aus versuchen würde, von der Sucht loszukommen. Aber altes Bitten und Betteln half jetzt nicht mehr. So ging ich mit meiner Frau zum Amtsarzt. Auf dem Wege dorthin nahm ich mir vor, eine Schau abzuziehen, damit er vielleicht die Kur nicht genehmigen würde.

Im Sprechzimmer kam es zu einer lustigen Szene. Er fragte mich, was mir so fehle. Ich sagte: "Herr Doktor, mein Magen ist nicht in Ordnung." "Was machen Sie denn dagegen?" "Nun, ich trinke so am Tage drei Heine Bonekamp." Er fragte: "Drei kleine Fläschchen?" "Nein, drei Packungen - das sind dann neun Stück." Er grinste nur und meinte: "Dann muss sich Ihr Magen ja schon aufgelöst haben."

Er saß mir gegenüber und holte sich eine Zigarette heraus. Ich rauchte gerade und so sagte er: "Geben Sie mir doch mit Ihrer Zigarette Feuer." Was dann geschah, war fast zum Lachen. Ich zitterte so, daß ich mit meiner Zigarette vor seinem Gesicht herumfummelte und er mit seinem Kopf dieses Fummeln mitmachte. Er lachte und sagte: "Sie sind ein Volldiplomalkoholiker!" Nun hatte ich meine Bezeichnung. Die Kur wurde genehmigt.

Am 6. Dezember führ ich, nachdem ich am Abend vorher nochmals so richtig vollgetankt hatte, nach Essen-Heidhausen zur Entziehungskur. Meine Frau verabschiedete sich von mir, und ich marschierte mit noch elf anderen Männern in ein sogenanntes Aufnahmerevier. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommen würde, ich glaube, ich wäre getürmt. Der erste Abend verlief verhältnismäßig ruhig, aber am zweiten Abend sollte sich das ändern. Ich lag mit zwei weiteren Alkoholikern auf einem Zimmer. Der eine stieg am Abend aus dem Fenster und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Sein Kommentar: "Ich habe Durst. Ich bleibe nicht in diesem Scheißladen!" Der zweite schrie mich an, nachdem er im Bett lag: "Hol sofort die Katzen und Mäuse von meinem Bett." Ich konnte ihn einfach nicht davon überzeugen, dass nichts da war. So ging es die ganze Nacht. Die Tiere, die er auf seinem Bett tanzen sah, wechselten, darin bestand die ganze Abwechslung.

Als ich morgens in den Waschraum ging, begrüßte mich ein Rechtsanwalt und sagte: "Hast du Durst? Ich habe einen guten Schnaps hier." Ich dachte, der spinnt! Wo will der denn hier an Schnaps kommen? Da nahm er seinen Rasierpinsel setzte ihn an den Mund und tat so, als ob er ein Glas Schnaps trinken würde.

Nun, dachte ich, da bist du ja nochmal gut dem Delirium entgangen. Doch es sollte anders kommen und weit schlimmer als bei den anderen.

Wir standen draußen vor der Eingangstür und plötzlich stürzte ich, steif wie ein Brett, zu Boden. Ich schlug mit dem Kopf auf eine Eisenkante und man brachte mich, so steif wie ich war, auf mein Zimmer. Wie der Arzt später mitteilte, war dies ein lebensgefährlicher Deliriumsanfall, der meistens tödlich endet: Der Alkoholspiegel im Gehirn nimmt ab, Blutleere
tritt ein, und in wenigen Sekunden können die Gehirnzellen absterben.

Man brachte mich noch freundlicherweise zu einem Arzt, der die Wunde nähen sollte. Doch als dieser hörte, von wo ich kam, nähte er so, dass ich besser zum Schuster gegangen wäre.

Als Alkoholiker zählt man natürlich nicht mehr als ein Glied der Gesellschaft, und das bekam ich noch in diesem halben Jahr zu spüren. Es begannen die Untersuchungen. Wir hatten einen Nervenarzt, der, so glaube ich, selbst behandlungsreif war. Nach allem, was er erlebt hatte, konnte ich ihm nicht böse sein. Ich stand unbekleidet vor seinem Schreibtisch. Zuerst sagte er: "Stellen Sie sich auf die Matte!" Eine Minute später: "Wie oft soll ich Ihnen sagen, Sie sollen sich nicht auf die Matte stellen!" Das ging dann so ein paarmal hin und her. Stundenlang wurde ich ausgequetscht nach meiner Jugend Er sagte: "Sie hatten bestimmt eine schlechte Jugend, ein schlechtes Elternhaus!" Ich sagte: "Nein, das Beste, das man sich denken kann." Er darauf: "Sie sind wohl verrückt! Wie können Sie mir widersprechen? Ich bin der Arzt und weiß wohl besser, wo die Anfänge Ihres Alkoholismus liegen." "Nun ja", sagte ich "wenn Sie meinen, mir ist es egal, ein halbes Jahr ist ja noch nicht lebenslänglich."

Ich rechnete damit daß ich als Kaufmann natürlich für Büroarbeiten eingesetzt würde. Weit gefehlt ich kam in den Schweine- und Kuhstall, um dort Raumpfleger zu spielen. Erst war ich schockiert, dann aber recht zufrieden. Denn die Kühe und Schweine waren wirklich recht nette Tiere, die wenigstens nicht so dumme Fragen stellten. Damals fand ich die Aussage richtig: "Wer die Menschen kennt liebt die Tiere."

So verging die Zeit mit Gruppentherapie und autogenem Training.

Nach sechs Wochen bekamen wir am Sonntagnachmittag Ausgang von 13.00 bis 17.00 Uhr.

Mit gemischten Gefühlen gingen wir zum Bus und führen in die Stadt zum Essen. Das erste Mal wieder in der sogenannten feinen Gesellschaft, die wir alle so liebten. Die schon etwas länger in der Kur waren, schleppten uns ins nächste Cafe und da ging es los mit Espresso. Ich trank so viel, dass ich zitternd und berauscht in der Heilstätte ankam.

Dort wurden wir natürlich getestet ob auch wirklich niemand etwas getrunken hatte. Ihre Taktik war uralt so mit; "Schauen Sie mal, ob ich was im Auge habe." So musste man ja nahe herankommen, auch Vivil war verdächtig!

Eine Begebenheit möchte ich noch weitergeben. Ein Mann aus unserer Gruppe stank immer nach 4711. Ich sagte: "Mensch, Rudolf, du brauchst dich doch hier nicht so einzuparfümieren. Wir sind doch unter uns." Darauf sagte er mir: "Komm mal mit ich zeige dir was! Ein Geheimnis, das musst du aber für dich behalten." Ich ging mit und bald wusste ich den Grund seines Gestankes. Er trank jeden Morgen zwei kleine Gläschen mit purem 4711. Er sagte: "Da ist doch Alkohol drin, und ich habe damit den ganzen Tag genug." Vorher habe er Verdünnung getrunken, aber leider habe man ihn aus der Lackiererei herausgeholt und nun komme er nicht mehr an den Stoff. Nach allem, was ich schon getan hatte in meinem Leben, war mir das doch etwas zu riskant. Nur mit Kaffee wagte ich mich an die Höchstgrenze.

Der Tag der Entlassung kam immer näher. Es war der 6. Juni. Meine Frau kam, um mich abzuholen, und ich muss sagen, eine enorme Angst packte mich, nun wieder frei in die Welt zu gehen. Denn gelernt hatte ich nichts. Nur eines wusste ich, körperlich gehst du vor die Hunde, wenn du wieder anfängst.

Denn über die Auswirkungen des Alkohols konnte ich, dank der Belehrungen in dieser Zeit fast selbst eine Doktorarbeit schreiben. Beim Rausgehen traf ich nochmals Rudolf. Ich fragte ihn: "Nun, Rudolf, was jetzt?" Darauf er: "Alfons, drei Worte: Hauptbahnhof - großes Bier!" Das war das Ergebnis nach einem halben Jahr harter Entziehungskur. Ein wenig taten mir die Mitarbeiter leid, denn sie hatten wirklich alles getan, was sie tun konnten, um die Kur zum Erfolg werden zu lassen.

Wir fuhren ins Rheinland zu meiner Schwiegermutter und ich ging auf die Arbeitssuche. Aber das war gar nicht so einfach. Ich musste ja angeben, wo ich das letzte halbe Jahr verbracht hatte. Dazu kam noch, dass mein Gedächtnis total kaputt war. Ich konnte kaum bis zehn zählen, und das war eine schlechte Voraussetzung für einen Kaufmann.

Dann probierten wir es im Ruhrgebiet, weil wir dort mehr Arbeitsmöglichkeiten vermuteten. Ein Firmeninhaber wollte es auch mit mir versuchen. Meine Frau und ich schliefen im Büro und kochten auch dort. Aber ich konnte es dem Mann nicht verdenken, dass er mir nach wenigen Tagen sagte: "Herr Böllert es ist einfach unmöglich, Sie müssen noch einmal anfangen, Zahlen zu lernen! Üben Sie, vielleicht kommt das Gedächtnis zurück!" Also weiter auf Arbeitssuche!

Nach mehreren Umzügen bekamen wir eine Wohnung, in deren Nachbarschaft das "Blaue Kreuz" ein Heim für schwere Alkoholfälle hatte. Ich muss dazu sagen, dass ich in dieser Zeit schon wieder mit Medikamenten experimentierte. Eines Abends, mehr auf Drängen meiner Frau als freiwillig, gingen wir einmal zu einer Stunde. Mir kam das alles ziemlich spanisch vor, was da erzählt wurde. Man sprach von Gott und Jesus Christus, von der Bibel. Ich dachte zwar über das Gehörte nach, aber ich vergaß alles wieder in den nächsten Tagen.

Doch war diese erste Begegnung mit den Begriffen Gott und Jesus Christus ? so konnte ich später rekonstruieren ? ein Anfang.
Aber die Sucht hatte mich weiter im Griff. Heute weiß ich, daß Satan sich nicht so schnell den Stuhl vor die Tür stellen lässt.

Eine Woche nach dem Besuch im "Blauen Kreuz" ging ich mehr zitternd als gehend durch die Straßen der Stadt und ich merkte: "Ich brauche Stoff!" Was ich vorher nie versucht hatte, tat ich nunmehr. Ich ging auf einen Mann zu und bat ihn um Geld. Dieser Mann war sehr freundlich. Er strahlte etwas aus, was ich nicht kannte. Sein Gesicht ließ mich nicht los, und ich vergaß schon fast worum ich gebeten hatte. Er schaute mich an und sagte: "Bitte, erzähl mir etwas aus deinem Leben! Du bist doch sicherlich am Ende?" Darauf sagte ich ihm: "Damit haben Sie recht, und ich glaube, Sie können mir wirklich helfen. Sind Sie so nett, und geben Sie mir doch bitte 5 DM?" Darauf sagte er: "Ich könnte dir ohne weiteres 5 DM geben, doch die wären ja schnell alle. Ich kann dir von einem Reichtum erzählen, der nie vergeht." "Mensch", dachte ich, "das wäre eine Sache - Geld für Stoff in rauhen Mengen."

Ich erzählte ihm darauf aus meinem Leben. Es war alles ganz anders als bei dem Nervenarzt in der Kur. Ich schaute den Mann an und sah Tränen in seinen Augen. Mann ? da weint jemand um dich! Er legte seinen Arm um mich und sonderbarerweise war ich noch nie so ruhig ? nie so hoffnungsvoll! Ich klammerte mich an ihn und schrie ihn fast an: "Hör auf mit deinem Weinen! Sag mir lieber: Was ist das Leben? Was ist der Sinn des Lebens? Was kommt nach dem Tode?"

Ganz ruhig und mit einem Strahlen sagte er mir: "Jesus Christus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich." Dann folgten drei Worte, die ich nie vergessen werde, Worte aus einem einfachen Herzen. Hier stand kein Arzt vor mir, kein Philosoph, kein Professor, hier stand ein einfacher Mann vor mir, der mir sagte "Du brauchst Jesus!"

Das war zu viel! Ich weiß nicht mehr, was mit mir los war. War ich wütend? War ich getroffen? War ich ärgerlich? Egal, jedenfalls lief ich weg. Doch der Pfeil saß. Die Bibel sagt: Das Wort Gottes kehrt nicht leer zurück!

Ich lief nach Hause und erzählte von meinem Erlebnis. Doch ich sagte: "Das kann alles nicht sein! Vielleicht habe ich geträumt! Vielleicht habe ich Entzugserscheinungen!" Jedenfalls legte ich mich ins Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken. Drei Worte gingen mir durch den Kopf: "Du brauchst Jesus!" Wer war dieser Jesus? Ich hatte doch von ihm gehört. Jedes Jahr an Weihnachten und Ostern! In der Kirche sprach man doch von ihm. Den kennst du doch, aus der Krippengeschichte und aus der Kreuzigungsgeschichte. Ja, ganz richtig. Aus der Geschichte kannte ich ihn, aber wer war er wirklich?

Wie viele Menschen gibt es heute, gerade im christlichen Abendland, die die gleiche Erfahrung gemacht haben und noch machen.

Doch dort war ein Mann, der nicht schweigen konnte von seinem Retter. Ein Mann, der die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens hatte, und sie auch weitergab.

Am nächsten Tag, nach einer schlaflosen Nacht, machte ich mich auf und ging durch die Straßen mit dem einen Gedanken: Den Mann mußt du wiederfinden! Lange suchte ich vergeblich. Doch dann sah ich ihn und ging auf ihn zu. Er war gar nicht überrascht, sondern machte mir eher den Eindruck, als ob er mit dieser Begegnung gerechnet hätte. Ich stellte die Frage: "Wo waren Sie die ganze Zeit?" Er antwortete: "Ich habe für dich gebetet!" Damals konnte ich das natürlich noch nicht verstehen, aber heute weiß ich, was für eine schwere Last auf ihm lag und wie er diese Last vor Gott hingelegt hatte.

Ich ging mit ihm nach Hause, und er erzählte mir von dem Sohn Gottes, der auf diese Erde gekommen ist, um zu suchen, was verloren ist. Er erzählte mir, dass Jesus Christus für meine Schuld am Kreuz auf Golgatha gestorben ist.

Da schrie ich in meiner Not auf: "Ja, vielleicht litt Jesus Christus für alle Menschen draußen, und vielleicht starb er am Kreuz für alle anderen Menschen draußen. Aber wenn du wüsstest, welch eine Schuld ich auf mich geladen habe. Wenn du wüßtest, was für ein Typ ich bin, dann würdest du mich auf der Stelle hinauswerfen. Mich kann niemand mehr lieb haben, und mich kann auch niemand erretten."

Aber dieser Mann warf mich nicht hinaus, im Gegenteil, mit Tränen in den Augen sagte er mir: "Gerade für dich, Alfons, starb Jesus Christus! Wenn du allein auf dieser Erde sein würdest, dann wäre er für dich auf diese Erde gekommen, um deine Schuld mit ans Kreuz zu nehmen. Um deine Sündenlast wegzunehmen, damit du zu Gott kommen kannst."

In mir tobte es! Sollte das Unglaubliche geschehen, daß ich nun wirklich die Antwort auf meine Lebensfrage bekommen sollte? Ich sagte: "Aber schau mal, du sagst er ist Gottes Sohn, und ich bin ein verkommener Mensch, ein Sünder, das paßt doch in keiner Weise zusammen! Um mit Gott wieder in Verbindung zu kommen, muß ich doch nun etwas tun. Ich muß mich doch bessern. Ich muss doch zuerst rein sein." Denn das war mir klar, der heilige Gott konnte nie Gemeinschaft mit dem Sünder haben. Erst musste die Schuldfrage geklärt werden.

Er antwortete: "Überlege mal, wie willst du denn die Schuldfrage klären?" Das war ja mein Problem! Alles religiöse Tun hat mich keinen Millimeter näher zu Gott gebracht. Im Gegenteil, in diesem ganzen Tun erkannte ich nur meine ganze Ohnmacht. Ich spürte, dieser Mann sagte die Wahrheit, obwohl ich es nicht erklären konnte, warum das so war.

Nun war da ein Haken. Ich war ja schon mit sehr vielem im Leben konfrontiert worden, und ich wollte endlich ein Fundament unter mir haben. Doch wie? Auf mein Gefühl konnte ich mich nicht verlassen. Ich brauchte ein Fundament nicht von Menschen, sondern von Gott gemacht. Deshalb sagte ich ihm: "Freund, ich brauche aber ein anderes Fundament als mein Gefühl."

Heute weiß ich, wie froh dieser Mann war, als ich ihm das eröffnete. Er erklärte mir, daß das Wort Gottes das einzige zuverlässige Fundament ist. Er gab mir eine Bibel in die Hand, und zum ersten Mal durfte ich selbst dieses Buch aufschlagen.

Er zeigte mir zuerst dass ich ein Sünder bin. Nun, das war für mich eigentlich schon klar. "Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes, und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist" (Röm. 3,23-24).

Zwei Begriffe wurden mir in dem Augenblick groß. Erstens: "umsonst" und zweitens: "durch seine Gnade".

Wer gab mir aber die Garantie, dass er mich annehmen würde ? vielleicht war meine Schuld doch zu groß? Nun las er vor: "Wenn eure Sünden wie Scharlach sind, wie Schnee sollen sie werden" (Jes. 1,18). Und: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen" (Joh. 6,37).

Ich sagte ihm: "Gut aber schau mal, ich bin ja durch die Taufe als Säugling ein Christ. Ich bin doch kein Heide. Ich gehöre einer Religionsgemeinschaft an."

Er ging nicht weiter darauf ein, sondern fragte: "Hast du Jesus Christus als persönlichen Heiland in dein Leben aufgenommen? Hast du dich jemals als Sünder, der seine ganze Schuld erkannt hat vor Gott gestellt? Hast du jemals erkannt daß du nie zu Gott kommen kannst ohne Jesus Christus?"

"Aber ich habe schon öfters das Vaterunser gebetet." "Hör mal, wie kannst du Gott deinen Vater nennen, ohne von Gott als Kind angenommen zu sein?" Er zeigte mir die Stelle in Johannes 1,12: "So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben."

"Du bist zwar ein Geschöpf Gottes, doch nie ein Kind Gottes!" Nun, das konnte ich nachvollziehen. Ich war so froh, daß dieser Mann Zeit hatte, um mir den ganzen Weg Gottes zur Rettung zu erklären. Mit jedem Wort, das er mir aus der Bibel vorlas, wußte ich: Das ist die Wahrheit! So sagte ich ihm: "Ja, ich habe erkannt, dass ich ein Sünder bin, daß ich den Retter Jesus Christus brauche, um Vergebung meiner Schuld zu bekommen. Ich will Jesus Christus als meinen Heiland und Erretter annehmen."

Ich erinnere mich an mein Gestammel: "Sei mir Sünder gnädig, und ich danke dir für dein vergossenes Blut am Kreuz auf Golgatha. Ich danke dir, Heiland, dass ich keine Leistungen zu bringen brauche, sondern dass ich mich als Sünder in deine Gnade, in dein vollbrachtes Werk hineinwerfen darf."

Wir saßen an diesem Tag noch lange zusammen, und er erzählte mir und las mir aus der Bibel vor. Es war mir, als wäre ich von neuem geboren, und das war ja auch die Wahrheit. Die Bibel sagt: "Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen" (Joh. 3,3).

Freude und Friede erfüllten mein Herz. Gott hatte mich in seiner großen Liebe, mit der er mich in Christus liebte, angenommen.

Nun war ich ein neuer Mensch! Aber nun galt es, auch als neuer Mensch zu leben. Meine Familie betrachtete dies alles erst einmal sehr skeptisch, und ich konnte sie sehr gut verstehen. Hatte ich sie doch bis dahin stets enttäuscht. Ich fand im "Blauen Kreuz" liebe Geschwister, die mir gerade in den ersten "Schritten" treu zur Seite standen. Ich machte ihnen viel Mühe und Arbeit denn meine Art war nicht die eines Lammes, wie es hätte sein sollen, sondern eher die eines störrischen Esels.

Es war nicht so, dass jetzt alle meine Probleme weg waren, aber ich hatte nun jemanden, mit dem ich über meine Probleme sprechen konnte. Ich durfte zu dem heiligen Gott "Vater" sagen und durfte wissen, dass er mir hilft.

Wie schon berichtet, war ich sehr störrisch. Ich dachte immer: Ich und Gott, wir schaffen das! Aber da war einer zuviel, und das war das Ich.

Nach wenigen Monaten wurden die Anfechtungen immer stärker. Ich vergesse nicht wie ich wiederum zitternd an fünf Apotheken vorbeikam, doch in die sechste ging ich hinein. So ging ich dann mit dem Stoff im Leibe in die Bibelstunde und dachte, die Geschwister würden es nicht merken. Aber das war ein Trugschluss. Sie und auch meine Familie merkten an meinem ganzen Verhalten, daß etwas nicht stimmte.

Doch ich schaffte es immer wieder, nach wenigen Tagen Schluss zu machen.

1970 kam Billy Graham nach Dortmund, und ich wurde vom "Blauen Kreuz" auch als Seelsorgehelfer eingesetzt. Oh, wie stolz war ich auf mein kleines Schild, das ich tragen durfte: SEELSORGEHELFER. Das sollte mich wieder zu Fall bringen.

Ich war so stolz, dass ich, obwohl es kalt war, keinen Mantel anzog, denn sonst hätte man ja das Schild nicht gesehen. Mein ganzes Verhalten zeigte Stolz, wiederum: ICH und GOTT! Durch Gottes Gnade kamen meine Frau und mein Sohn in dieser Zeit auch zum Glauben an Jesus Christus.

Vierzehn Tage nach der Evangelisation wurde ich in einem Nervenkrankenhaus wach. Diagnose der Arzte: "Selbstmordversuch!" Trotz allem Schweren wusste ich, nachdem ich wieder bei vollem Bewusstsein war: "Gott hat dich lieb! Denn wenn er dich zu einem solch hohen Preis erkauft hat, dann wird er dich nicht fallen lassen." Die Schuld lag nicht bei Gott, sondern bei mir.

Eine Begebenheit aus diesem Krankenhaus möchte ich noch erwähnen: Als ich zu mir kam, war der Arzt vor meinem Bett. Er fragte mich: "Nun, was haben Sie dazu zu sagen?" Meine Antwort muss ihn sehr schockiert haben: "Gott hat mich dennoch lieb!"

An dieser Stelle möchte ich meinen Brüdern aus dem "Blauen Kreuz" für ihr vorbildliches Verhalten danken. Sie besuchten mich im Krankenhaus, obwohl ich sie doch so enttäuscht hatte. Sie sagten einfach: "Alfons, es geht weiter! Der Herr Jesus lebt!"

Das war für mich die Heilsalbe. ? "Jesus lebt. Und Er wird dir weiterhelfen!"

So nach und nach kam auch wieder Leben in meine grauen Zellen. Ich konnte wieder denken und rechnen. Womit ich nie mehr gerechnet hatte, das trat ein: Ich erhielt plötzlich nicht nur einen Job, sondern eine wirklich feste Arbeitsstelle in einem großen Konzern.

Am Hauptbahnhof und auf den Straßen versuchte ich mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Jedoch meinte ich immer, ich könnte die Menschen überzeugen. So war natürlich klar, dass ich meine Kraft überschätzte und bis zum Jahr 1973 noch manchen Rückfall hatte. Den letzten Rückfall möchte ich genauer schildern, damit man sieht, wie schlau Satan ist.

Wenn du Alkoholiker warst oder bist dann gibt es für dich nur eine Hilfe: Totale Abstinenz! Lass dich nicht von noch so frommen Kreisen in Versuchung führen durch das Bibelwort: "Wen der Sohn frei macht, der ist recht frei." Ich habe dieses Wort oft zu hören bekommen. Aber die Bibel sagt auch: "Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen." Wenn du auch zwanzig Jahre vielleicht nichts mehr getrunken hast du kannst mir glauben, der erste Schluck ist genauso, als ob du gestern aufgehört hast. Deshalb gilt auch für den, der Christus angenommen hat nicht: Du darfst nicht mehr, sondern: Du brauchst nicht mehr.

Nun zu meinem Rückfall. Ich musste zur Arbeitsstelle nach Bremen fahren, und kam natürlich an vielen Kneipen und Kiosken vorbei. An einem Morgen, ich war etwas erkältet und das Wetter war sehr naß, kam mir ein verteufelter Gedanke: Du könntest doch wenigstens wegen deiner Erkältung einen Schnaps trinken. Das tat ich am Hauptbahnhof, und nun lief alles so ab wie früher. Ich kam ins Büro, zog mich erst gar nicht aus, sondern sagte meinem Kollegen: "Ich komme gleich zurück."

Dann ging ich in ein Geschäft und kaufte mir einen Liter Rum. Zurück in der Firma, begab ich mich auf den Speicher, wo unsere Registratur war und machte die ganze Flasche leer. Genau wie früher, ging ich an das Telefon, bestellte eine Taxe und ließ mich zur nächsten Bar fahren. Von da ab riß der Faden.

Ich kam erst wieder zu mir, als ich pudelnass im Taxi saß. Der Taxifahrer meinte: "Die Polizei kam und sagte: 'Fahren Sie diesen Mann nach Hause.'" Später wurde mir auch klar, warum. Ich hatte einige Ausweise bei mir, welche die Polizei freundlicher stimmten. So kam ich nun zu Hause an. Die Enttäuschung bei meinen Lieben war natürlich sehr groß.

In dieser Nacht betete ich: "Vater, du kannst alles, nur eins nicht: Mich nicht mehr liebhaben."

Dann las ich die Leidensgeschichte und das Sterben Jesu. Da brach ich total zusammen und sagte: "Herr, verzeih, ich habe dir ja nur mein Leben als Alkoholiker gegeben. Doch du hast ja Anrecht auf mein ganzes Leben. Jede Faser meines Herzens soll dir gehören."

Gott hat dieses Gebet erhört. Ich weiß heute, dass eine bedingungslose Übergabe an den Herrn möglich ist. Er will nicht etwas von uns, sondern er will uns ganz. Das hatte für mich Konsequenzen. Meine schmutzigen Bücher, mit denen ich meine ganze Gedankenwelt verseucht hatte, schlechte Schallplatten und alles, was nichts mit Gott zu tun hatte, warf ich weg. Dann begann ich auch meine Zeit konsequent dem Herrn zu geben. Und er antwortete sofort auf diesen Glaubensschritt, denn meine Tochter kam auch zum Glauben, und so waren wir schon ein kleines Missionsteam.

Gott schenkte uns noch einige junge Leute, und wir versammelten uns jeden Abend um die Bibel und samstags ging es hinaus in die Dörfer, um den Menschen vom Herrn zu erzählen.

Auch jetzt noch ist die Straße unsere Kanzel. Oft mieten wir uns auch Gasträume, um den Menschen weiterzusagen, was mir damals jener Mann sagte: "Du brauchst Jesus!"

Zum Schutz der Beteiligten wurden einige Namen geändert.

Übernahme ins Internet aus dem Buch: "Die Ruhe der Rastlosen" von W. Bühne
Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Bühne