Christlicher Plakatdienst e.V.

 

Franz Huber: Tanz mit dem Tod

Amsterdam - an einem schönen, warmen Sommertag.

Trixi, eine ehemalige Freundin von mir, sitzt mit einer Bekannten zusammen und verbringt noch ein paar schöne Stunden mit ihr. Nachdem sie sich verabschiedet haben, geht Trixi in den 3. Stock des Hauses, trinkt eine Flasche hochprozentigen Schnaps und springt dann aus dem Fenster.

Amsterdam, an einem schönen Sommertag in der Veer-Straat. Sie liegt mit Hirnquetschungen und zerbrochenem Becken auf der Straße. Minuten später wird sie mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert, wo die Ärzte vergeblich um ihr Leben kämpfen.

Als wir sie nach Tagen besuchten, konnten wir nicht mehr mit ihr sprechen. Sie hatte keinen Lebenswillen mehr. Nach einem unerfüllten Leben wünschte sie sich den Tod.

Die Rolling-Stones singen in ihrem Lied "Dancing with Mr. D":

Wird es Gift in meinem Glas sein,
wird es langsam oder schnell gehen,
ein Schlangenbiss,
ein Spinnenstich,
ein ,Belladonna-Drink' aus einer Nacht von Toussaint.
Ich hab mich versteckt in einer Ecke in New - York City.
Und in West-Virginia in den Lauf einer 44er geschaut.
Hab getanzt,
hab mich ausgetanzt....
Ich habe getanzt mit Mr. D.

Trixi war meine erste Liebe in meinem Hippie-Dasein. Im P.N.-Hithaus in München (ein ähnlicher Club wie der Star-Club in Hamburg, wo die ersten Beat-Gruppen spielten) sah ich sie zum ersten Mal.

"Hallo, willst du tanzen, willst du Haschisch rauchen?"

"Ja."

Ich nahm sie mit in das Haus meines Freundes Bobby. Wir legten die Rolling-Stones auf, hörten die Beatles und rauchten. Dann lagen wir auf dem Boden und es wurde viel von Freiheit gesprochen...

Unten im Friedhof, wo wir verabredet sind,
die Luft riecht süß,
die Luft riecht dumpf.
Er lächelt nie, sein Mund zuckt nur mal.
Die Luft klebt fett in meinen Lungen.
Ich kenne jetzt seinen Namen.
Man nennt ihn Mister D.
Und bald wird er euch allen die Freiheit geben.
Totenköpfe baumeln von seinem Hals.
Meine Hände werden feucht und klamm.
(Rolling-Stones: »Dancing with Mr. D«)

Trixi wurde für die nächsten Jahre meine Begleiterin auf der Drogen-Straße. Wir nahmen LSD, Meskalin, STP, DOM, wir rauchten Haschisch und Marihuana. Dann kamen die Opiate: Morphin, Eukodal, Dilaudid und wir tanzten, tanzten, tanzten.

In einen anderen Club, ähnlich wie der P.N., gingen wir Nacht für Nacht. Wir hatten Morphin dabei, verkauften Morphium und nahmen Morphium. Die Droge hatte uns gefesselt.

Damals wohnten Trixi, Jacky und ich zusammen. Eines Abends, als auch der »schöne Bernie« zu Besuch da war, lagen wir, nachdem wir Morphium genommen hatten, auf den Matratzen und hörten Musik Plötzlich klingelte es an der Tür. Ich rappelte mich auf, sah durch den »Spion« und erkannte draußen »Rudi Trallala«, der etwas in Packpapier eingewickelt trug.

Okay, ich machte die Tür auf, ließ ihn hinein. Er wickelte aus dem Packpa-pier ein Gewehr, legte auf mich an und sagte:

"Franz, du bist link!"

Er drängte mich in die Ecke, wie in einem Wildwestfilm, "Du hast mich gelinkt!"

Ich bekam wahnsinnige Angst, daß jemand durchdrehen könnte und die Nachbarn oder die Polizei rufen würde. Dann würden wir alle im Gefängnis landen. Deshalb gab ich ihm das Morphium, das er verlangte und dann ging er.

An einem Abend ? ich weiß nicht mehr, ob es Sommer oder Winter war ? saß ich mit Siggi und Roman in der Wohnung. Siggi hatte eine Nacht zuvor in einer Apotheke eingebrochen und alle Morphium-Präparate gestohlen. Als wir die Beute betrachteten, jubelten wir: "Oh, nur das Feinste vom Feinen!" und machten uns Cocktails mit Dilaudid und Kokain, bis Roman blau wurde.

Wir rissen das Fenster auf, ich gab ihm Ohrfeigen und schließlich machten wir Mund-zu-Mund-Beatmung.

Nichts half.

Von der Angst getrieben, daß er bei uns im Zimmer sterben könnte und wir dann alle verhaftet würden, haben wir ihn auf die Schultern genommen, den Hausflur hinuntergetragen und unweit der Münchener Freiheit auf die Straße gelegt.

Dann rannten wir zur Telefonzelle, riefen die Polizei an und sagten: "In der und der Straße liegt ein Bewusstloser, können Sie ihn bitte abholen?" Wir hingen auf und wussten, dassß die Polizei der Sache nachgehen würde.

Und dann liefen wir quer durch die Stadt, denn wir hatten Angst.

Als wir Stunden später nach Hause gingen, stand Roman vor der Türe. Okay, Junge!

Wir gingen in unsere Wohnung und nahmen Morphium. Roman fiel wieder um. Jetzt saß mir die Angst im Nacken:

"Roman, mir reicht's, du musst ins Krankenhaus!"

Wir brachten ihn bis vor den Krankenhauseingang und warteten solange, bis er schließlich hineinging, und dann liefen wir weg.

Roman lebt heute nicht mehr.

Eines Nachts hab ich mit einer Dame in Schwarz getanzt.
Sie trug Handschuhe und Hut aus schwarzer Seide.
Sie sah mich lüstern mit samtschwarzen Augen an.
Ihr Blick war seltsam, ganz verschlagen und wissend.
Dann sah ich, wie das Fleisch von ihren Knochen fiel.
Die Augen im Schädel glühten wie Kohlen.
Ich hab getanzt mit Mr. D. . . .

München, Hirschgarten-Allee. Ein verkommenes Haus. Hier leben Drogensüchtige und Alkoholiker ? Lupo, Siggi, Viktor, Frank, Trixi und andere, deren Namen ich nicht mehr kenne. Wir hatten kein Morphium und kein Opium mehr, dafür meldeten sich die gefürchteten Entzugserscheinungen ? "Cold Turkey".

Wir wollten einbrechen und warfen Lose, wer mitgehen sollte. Das Los fiel auf mich.

Es war mein erster Einbruch und ich zog mit Christian los. Zunächst gingen wir zu einem nahen Steh-Ausschank und tranken uns mit Bier erst einmal Mut an, denn wir waren keine Profis und deshalb ging es auch nicht besonders leise bei unserem Einbruch zu. Wir warfen einen Pflasterstein ins Fenster, schoben dann noch schnell den Rolladen hoch und liefen weg. Wir beobachteten das Haus, ob sich dort oder bei den Nachbarn etwas regte. Nichts rührte sich, keiner hatte etwas gemerkt. Nun stiegen wir ein und ließen den Rolladen wieder vorsichtig runter. Endlich waren wir in der Apotheke, suchten fieberhaft den Giftschrank und konnten ihn nicht finden. Christian sagte schließlich: "Wir müssen den Viktor holen!" Viktor hatte schon einige Apothekeneinbrüche hinter sich, war also ein Mann mit Erfahrung.

Während Christian zurücklief, um Viktor zu holen, musste ich am Tatort Schmiere stehen und legte mich zu diesem Zweck unter ein Auto. Bald kam Christian mit Viktor zurück, der sofort den Giftschrank fand und ihn auftrach. Minuten später zogen wir glücklich ab. Für die nächsten Tage hatten wir alles, was wir brauchten: Morphium, Dilaudid, Eukodal, Jetrium, Kokain usw. Nur mit Mühe konnten wir Christian daran hindern, auch noch eine Schreibmaschine mitzunehmen. Er war wirklich unerfahren.

Monate später hatte ich wieder einen Entzug. Der "Affe" saß mir im Rücken und ich hatte nichts zu "schießen". Lupo und Frank auch nicht. Was wir noch hatten, war ein Auto und ein gefälschtes Rezept. Wir fuhren zur Wetterstein-Apotheke, die ich kannte und wo ich schon einmal ein Rezept eingelöst hatte. Ich gab dem Apotheker das Rezept mit einem Jetrium-Präparat. Es war viel Betrieb zu dieser Tageszeit und die Angestellten liefen emsig hin und her. Ich sah schon das Jetrium-Gläschen in der Hand des Apothekers und mein Puls schlug schneller. Doch er beeilte sich nicht sehr, mir das Mittel zu geben, sondern sagte, als plötzlich die Tür aufging, auf mich deutend: »Das ist er!«

Ich wusste, dass nun hinter mir die Polizei stand. So war mein Tanz zu Ende und ab ging es ins Polizei-Gefängnis, in die Krankenabteilung.

Nun, dies war zwar mein zweiter Gefängnisaufenthalt, aber doch der erste mit einem "Affen" im Rücken. Oh, welch eine Qual, Schmerzen, nichts als Schmerzen und dann die Resignation: Alles vorbei, es läuft nichts mehr, kein Morphium, sondern Entzug!

Cold Turkey!

Zuerst wurde ich in die Kleiderkammer geführt, wo ich blau-weiß gestreift ? mit den Farben der Krankenabteilung ? eingekleidet wurde. In der Krankenabteilung selbst kam ich auf eine Gemeinschaftszelle, wo ich zunächst mit Behelfsmitteln wie Valium, Neurocil und anderen Psycho-Pharmaka versorgt wurde.

Ja, der Tanz war aus! Da lag ich nun, die Nase lief und die Augen tränten, meine Kleider waren schweißdurchnäßt. Heiße und kalte Schauer überfielen mich, Beine und Magen schmerzten. Nur ein Gedanke: Morphium!

Doch war mir klar, dass es keinen Sinn hatte zu jammern. Ich konnte nur da liegen und mein Leid ertragen. Mir war bewusst, dass keiner mir helfen konnte, nur die Zeit würde heilen, in 3-4 Tagen würde das Schlimmste vorbei sein.

Auf meiner Gemeinschaftszelle lag Robert, der große Dealer - selbst auch süchtig. Er sagte immer: "Das Feinste, das Feinste vom Feinen."

Da war Larry, ein ehemaliger Vietnam-Soldat, der immer ein lockeres Bein hatte und bei jeder Gelegenheit tanzte.

Da war ein Jugoslawe, Alkoholiker, wegen politischer Sachen eingelocht, er sorgte auf der Zelle für Sauberkeit - er hatte einen regelrechten Putzfimmel. Und dann waren da noch die anderen: Diebe, Zuhälter, Schwule und Zeitgenossen ähnlichen Kalibers.

Die Zelle war für sechs Häftlinge zu klein. Drei Etagenbetten, ein Tisch, Stühle und die Spinde. In den ersten Nächten war es für mich sehr schwer, Schlaf zu bekommen. Zum einen, weil mein Entzug mit Depressionen, Angstzuständen und Horrorträumen verbunden war, zum anderen, weil es im Gefängnis nachts oft rund geht. Oft ahmten wir dann die unterschiedlichsten Tiere nach, bis wir uns wie im Zoo vorkamen, oder wir saßen beim Schein der selbstgemachten Kerzen und spielten Karten.

Nicht selten bekamen die Insassen der Einzelzellen den Knastkoller. Es beginnt damit, daß einer die Möbel zertrümmert und endet damit, dass er die Einzelteile aus dem Fenster wirft, unter den Anfeuerungsrufen der anderen Gefangenen, die ihr Gaudi haben: §Los, schmeiß auch den Spind raus!" Bald hört man Wasser rauschen, nachdem der Ablauf vom Waschbecken demontiert war.

Ja, das Gefängnisleben! Unsere Gespräche hatten meist nur ein Thema: Morphium, Kokain, Drogen. Wie kommen wir da ran?

Unsere Mithäftlinge, die Alkoholiker waren, bekamen für den Entzug »Distras« (Distraneurin® ). Einmal kam ein Landstreicher in unsere Zelle, der starke Entzugserscheinungen hatte. Er sah Spinnen und alle möglichen anderen Krabbeltiere. Als sein Delirium zu Ende war, erkannten wir unsere Chance. "Freund, du spielst uns ein Delirium, redest von Spinnen, Käfern und Elefanten. Wir hauen die Glocke raus, drücken den Alarm und wenn der Schließer kommt, sagen wir: 'Holen Sie bitte einen Sanitäter, der Mann hat ein Delirium.' Und wenn du dann die Pillen bekommst, tauschst du sie bei uns gegen Tabak ein." Auf diese Weise erhielten wir unser ersehntes Feeling.

Manchmal veranstalteten wir auch eins unserer makaberen Spiele. So ließen wir den Landstreicher auch einmal "schwimmen". Wir sagten zu ihm: "Lege dich mal auf den Boden und mach Schwimmbewegungen." Der Mann tat das in seiner Hilflosigkeit und wir drehten dann den Wasserhahn solange auf, bis das Wasser auf den Boden floss. Unter Gelächter drückten wir dann die Glocke und sagten dem herbeieilenden Wärter: "Schauen Sie mal, der hier ist verrückt geworden!"

Einmal kam ein Amerikaner auf unsere Zelle, der ziemlich durcheinander war. Wir rieten ihm: "Wenn du dich aufhängst, kommst du in eine bessere Anstalt." Wir bauten ihm dann einen Galgen. Der Mann hing sich tatsächlich in die Schlinge und rief, als wir den Stuhl wegzogen: "Holt mich runter!"

Die Glocke wurde gedrückt und der Schließer kam. Wir sagten: "Als wir aufwachten, hing der da."

Dieser Mann kam nicht in eine bessere, sondern strengere Haftanstalt. Das sind so die Knastspiele. Kommt jemand in die Zelle, den man nicht leiden kann, ekelt man ihn hinaus.

Für mein gefälschtes Rezept hatte ich sieben Monate bekommen und in den langen, schlaflosen Nächten zog mein bisheriges Leben an mir vorüber:

Ich wurde im Mütterheim geboren, mein Vater hatte kurz vor meiner Geburt meine Mutter verlassen und war nach Ost-Deutschland zurückgekehrt. So wuchs ich ohne Vater bei Mutter und Großmutter auf. Als ich neun Jahre alt war, starb meine Großmutter und ich wurde ein Schlüsselkind. Wenn ich aus der Schule kam, lag meist ein Zettel auf dem Tisch mit etwa folgenden Worten:

"Guten Tag, Franz, im Schrank sind die Nudeln, im Kühlschrank liegen Tomaten und Wurst. Mach dir etwas Leckeres zu essen. Ich wünsche dir einen guten Appetit. Deine Mutter!"

Bald brachte Mutter auch einen Freund mit nach Hause, der die Vaterrolle spielen sollte. Ich konnte ihn nicht leiden und so passierte es, dass wir einmal im Streit auf dem Boden lagen und ich mich mit meinen Fingernägeln in seine Glatze gekrallt hatte und schrie: "Ich hasse dich, ich hasse dich!"

Dann kam die Zeit, einen Beruf zu erlernen. Ich selbst hatte keine Vorstellungen, aber Mutter meinte: "Suche dir eine Lehrstelle als Metzger, dann haben wir immer etwas zu essen."

Damals war es nicht schwer, eine Lehrstelle zu bekommen und mit dem Beginn der Lehrzeit nahm ich auch die ersten Drogen. Ich besorgte mir Captagon, ging nachts in die Discotheken und erschien dann morgens um fünf Uhr in der Metzgerei. Meine Arbeitsleistung war entsprechend. Einmal waren Würste im Kessel, es waren Wiener- und Regensburger-Würstchen. Ich heizte den Ofen an, doch die Temperatur wurde zu hoch und alle Würstchen platzten. Der Chef war zu diesem Zeitpunkt gerade im Schlachthof und ich wußte, wenn er zurückkam, gab es Panik.

Er kam zurück, öffnete den Deckel des Kessels und sah, daß alle Würstchen geplatzt waren. Daraufhin bekam er einen Zornesausbruch und schmiß den Kübel nach mir.

Ein anderes Mal waren Würste in der Räucherkammer. Dieses Mal füllte ich zuviel Sägemehl nach, mit demselben Ergebnis dass alle Würste platzten.

Nach einem Jahr brach ich die Lehre ab. No future! Keine Zukunft! Warum sollte ich arbeiten? Ich konnte darin keinen Sinn erkennen. Selten fühlte ich mich wohl und angenommen. Meistens kam ich mir ohne Trip unverstanden vor.

So ging ich des Nachts oft ins P.N. Es war einer von den Rockschuppen, wo viele Jungen mit einem Auto, Motorrad, mit der Straßenbahn oder zu Fuß hinkamen, um dort auszuklinken und um zu tanzen. Die Musik verzauberte uns und wir fanden es berauschend, die leeren Biergläser auf dem Boden zu zerschmeißen.

Das P.N. war in Schwabing und in diesem Stadtteil lernte ich bald auch Marihuana, Haschisch und Shit kennen. Ich begann es zu rauchen und zu verkaufen. So lebte ich mein eigenes Leben und war mir selbst überlassen. Nur zeitweise schlief ich zu Hause und immer mehr Nächte verbrachte ich bei Freunden oder schlief im Englischen Garten, in Hausfluren, Aufzügen und Trockenräumen.

Ich suchte meinen Weg oder den Sinn meines Lebens bei den Gammlern und fand es interessant, mit Leuten zu sprechen, die am Rande der Gesellschaft standen. Sex, Drogen und Rock'n Roll fesselten mich und doch war ich einsam. Die Sehnsucht nach Liebe ging unter im Rausch.

Die Tage vergingen sinnlos und sinnentleert. Auf den Straßen rief man nach Frieden, auch mein Herz schrie nach Frieden, dennoch fand ich ihn nicht und rutschte immer tiefer in den Drogenkonsum hinein.

"Am Morgen einen Joint
und der Tag ist dein Freund."

Das war für mich die Welt der rosaroten Brille, wo im Grunde doch alles dunkel und aussichtslos war: Nur die Idioten schuften für ihre Kröten.

Inzwischen war ich ein kleiner Haschisch-Dealer. Abend für Abend, wenn die Bands spielten und die Groopies da waren, bot ich Haschisch und LSD an.

Meinen ersten Schuss bekam ich von einem Mann aus Hamburg. Er tauchte auf, als wir alle Haschisch rauchten und sagte, er hätte Jetrium. Ich sagte: "Eh, Alter, ich habe es nicht gerne wenn wir es vor den Leuten machen, aber ich würde es sehr gerne nehmen. Gibst du es mir auf der Toilette?" Dort bekam ich den ersten Schuss und der gab mir irgendwie alles. Er schien mir die Freiheit und Liebe zu geben, nach der ich mich sehnte und von nun an befand ich mich auf der Einbahnstraße der Junkies.

In einem anderen Club lernte ich zwei Zuhälter kennen, die sagten: "Steig bei uns ein, Junge, wir zeigen dir, wie man es macht." Sie gaben Trixi, Jacky und mir Morphium auf Kommission und kamen jeden Abend zu uns auf die Bude, um abzurechnen.

Eine Zeit lang war eine junge Frau, die rothaarige Mischa, die Verteilerin für Morphium. Meistens kam sie nachmittags, aber wie die meisten Dealerinnen und Junkies war sie ganz und gar unpünktlich. Oft wartete eine ganze Meute wie die Ratten auf die rote Mischa und heftete sich an ihre Fersen, wenn sie endlich erschien, um in irgendeinem Cafe das Geld unter oder über dem Tisch zu kassieren. Dann verschwand sie um eine Ecke, wo sie die Drogen versteckt hatte. Geduld musste man haben. Aber dann konnte man endlich den ersehnten Schuss setzen. Manchmal dauerte es lange, bis ich eine Vene fand, doch dann strömte das Opiat durch meinen Körper.

Ich hatte meine Seele der Droge verkauft, hatte alles für die Droge gegeben. Bald stellte sich auch eine starke Todes-Sehnsucht ein und der Gedanke kam, mich totzuschießen. Oft sagte ich: »I am a Junkie, I am a monkey.« Ich bin ein Süchtiger, bin ein Affe.

Aber jetzt saß ich erst einmal im Knast und wartete meine sieben Monate ab. Da ich zu Trixi weiter Kontakt hatte, wusste ich, wohin ich nach meiner Entlassung gehen würde. Und der Tag der Entlassung kam und mit ihm auch der langersehnte Schuss, den ich bei Trixi und Ali bekam. Die Junkie-Szene hatte mich wieder und ich trug wieder meine Gun bei mir, die Spritze mit der 18er Nadel.

Bald lernte ich auch die Drogen-Szene von Amsterdam kennen. Ich hatte beim Gericht einen Termin wegen Apotheken-Einbruch und da bin ich lieber vorzeitig über die Grenze geflohen.

Wenn es in Holland einen Vorhof der Hölle gibt, dann ist das Amsterdam. Da sind sie, die Pommesbuden, die Cafes, die Discotheken, die Dealer. Als ich dort ankam, machte ich mich sofort auf die Suche nach Heroin. Ich fand einen Farbigen, der mir etwas verkaufte und bald lernte ich andere Süchtige kennen. Die meisten von ihnen gingen Stehlen und so hatte die Polizei immer ein Auge auf uns. Viele Spitzel umgaben uns und so konnte man keinem trauen. Jetzt kannte ich auch die Junkies von Amsterdam. Magere Körper, magere Gesichter, ekelhaft gekleidet.

Da war Glenn, ein Farbiger, der alte Franzisko aus Hamburg, da war Tuti aus München und ich. Wir wohnten auf einem Boot. Tuti hatte es aufgerissen. Die Besitzerin war eine Prostituierte, sie überließ uns das Boot für eine bestimmte Menge Heroin pro Monat.

Mittags standen wir auf und gingen los, um Geld zu besorgen. Während die anderen zum Dealen gingen, zog ich los in die Kaufhäuser um Handtaschen zu stehlen, die ich dann an die Prostituierten verkaufte. Hauptsache, das Geld war da, um Heroin zu kaufen.

Manchmal hatte ich zwar Heroin, aber keinen Löffel, den ich so dringend für die Injektion brauchte. Dann habe ich bei einer Familie geklingelt und gesagt: "Ich bin ein Tourist und habe eine Dose Bohnen, aber keinen Löffel. Können Sie mir einen besorgen?"

Schlimm wurde es, wenn ich nachmittags immer noch kein Geld hatte und wußte: Noch ein oder zwei Stunden, dann kommt der Affe! Um der Droge willen habe ich dann gestohlen, betrogen, habe mich smart angezogen und war freundlich zu älteren Damen und zu älteren Herren.

Einige Zeit war ich mit einem Taschendieb befreundet. Wir arbeiteten zusammen und meine Aufgabe war es, angetrunkene Männer aufzuspüren, sie in ein nettes Gespräch zu verwickeln, auf die Schultern zu klopfen und abzulenken. Wenn mein Freund mir dann ein Zeichen gab, bedeutete das: Lass ihn laufen! Wir hatten dann eine Geldbörse mehr.

Es gab auch Tage, an denen ich betteln gehen musste. Oft ging ich dann zum Bahnhof, setzte mich in einen Zug und tischte den Mitreisenden irgendeine Lüge auf. "Ich bin bestohlen worden", "ich muss unbedingt nach Hamburg." So ging ich von Abteil zu Abteil, erzählte den Leuten, dass ich zu meiner Großmutter, zu meiner Freundin, zu meiner Frau müßte, drückte auf die Tränendrüsen und bekam meist 50 oder 100 Gulden zusammen. Ich erinnere mich noch, daß ein Mann auf meine Geschichte reagierte: "Sie sind heute schon der Dritte, was ist denn hier überhaupt los?" Da wußte ich, daß ich nicht allein unterwegs war.

Alle Mühe und alle Peinlichkeiten waren aber vergessen, wenn ich mir dann den ersehnten Schuß setzen konnte Welch eine Erleichterung. Das Gift strömte durch meinen Körper, Schmerzlosigkeit, Liebe, alles schien mir die Droge für kurze Zeit zu geben.

So vergingen die Monate. Ich hetzte durch die Straßen, brach Autos auf, verkaufte falsches Haschisch und unechtes LSD. Die holländische Polizei schob mich nach Deutschland ab, doch postwendend ging ich über die »grüne Grenze« nach Holland zurück. Nach einem weiteren Diebstahl, bei dem ich erwischt wurde, verzichtete die Polizei darauf, mich über die Grenze zu schicken. "Wenn wir dich abschieben, kommst du doch wieder her. Was soll's."

Die Drogen bestimmten meinen Abstieg und beschleunigten meinen Lauf auf dem Weg zur Hölle. Den Knast hatte ich nun verschiedentlich kennengelernt, nun sollte ich auch mit der "Klaps-Mühle" bekannt werden.

Wegen einer kriminellen Aktion kam ich zunächst ins Gefängnis und anschließend in die Nervenanstalt. Da war ich nun mit Mördern, Sittlichkeitsverbrechern und Schwachsinnigen in einer geschlossenen Abteilung. Wie immer waren wir Junkies zusammen und hatten nur ein Thema; Drogen. "Ohne Dope, no hope." Hier freundete ich mich mit einem Mädchen an, die auch süchtig war. Wir klammerten uns sehr aneinander und wenn am Samstag Geländeausgang innerhalb der Anstalt war, rückten wir aus und besorgten uns Drogen.

Nachdem ich entlassen war, brach ich bald darauf auch die angefangene Therapie ab. Immer wieder wurde ich rückfällig.

Die Rolling-Stones sangen:

Zerfetzt und abgewetzt.
Joe hat einen Husten, ziemlich schlimm.
Yeah.
Und das Kodein dafür verschreibt der Doktor.
Die Apotheke schickt's rüber.
Aber wer hilft ihm von diesem Zeug runter zu kommen?

Hätte ich damals doch nur gewusst, dass es tatsächlich Einen gibt, der allen Fixern, Alkoholikern, allen Kaputten und Ausgeflippten Rettung anbietet. Einen, der gesagt hat: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, als nur durch mich" (Joh. 14,6).

Aber dieser Eine, Jesus Christus, ist mir nachgegangen und hat mich aufgespürt.

Da saß ich 1970 in Stadelheim wegen irgendeiner Straftat. Ich war auf der Krankenstation, als Christen auftauchten mit Projektor, Film und Leinwand. Fast alle gingen wir zu dieser Filmvorführung.

Als ich sah, was dort gezeigt wurde, dachte ich: "Oh, Junge, das sind Fanatiker. Schwarzes Buch, das sie Bibel nennen. Freimachen? Das ich nicht lache!"

Auch wenn ich nichts davon angenommen habe, irgendwie spürte ich doch etwas von der Liebe Jesu.

Einen Sommer darauf befand ich mich in München im Englischen Garten auf der Hasch-Wiese. Auf einem Hügel standen Christen, sie sangen und predigten. Doch ich wollte nichts hören und machte einen großen Bogen um sie.

Jahre später an derselben Stelle wieder diese Christen. Diesmal wollte ich ihnen nicht aus dem Weg gehen, sondern Randale machen. Nicht mit der Faust, denn dazu war ich zu schwach, ich wog damals nur 54 kg.

Aber ich hatte ein großes Maul und ging oft aggressiv durch. Dennoch blieb ich still, denn irgendwie wurde ich doch beeindruckt. Heute weiß ich, daß es die Liebe Jesu war.

Einige Zeit später war ich wieder in Amsterdam. Ich hatte kein Geld, keine Drogen, sondern einen "Affen" im Rücken, als ich am Postamt stand, um Touristen abzulinken. Da kamen zwei Männer und erzählten mir von Jesus Christus und beteten mit mir. In meiner Not fühlte ich mich angesprochen und sprach mein erstes Gebet:

"Wenn es Dich gibt, Jesus, dann schicke mir bitte Heroin!" Nun, das würde Jesus niemals tun. Er liebt den Junkie, aber nicht das Heroin, aber das wusste ich damals noch nicht und fischte im Trüben, war von der Droge gefesselt und lief ihr nach.

So zog ich wieder los, diesmal mit Glenn. Wir suchten einen Dealer auf und Glenn sagte zu mir: "Diesen übernehme ich!" Wir klopften an sein Boot und öffneten die Luke. Eine Stimme rief: "Ja, kommt herein." Glenn war ein stämmiger, kräftiger Schwarzer und strotzte trotz seiner Heroinsucht noch vor Kraft. Zur Begrüßung warf er die Cola-Flasche in die Ecke, schnappte sich den Mann am Kragen und sagte: "Gib mir dein Geld!" Daraufhin öffnete der Dealer seine Geldbörse und wollte ihm ein paar Scheine geben. "Geld, habe ich gesagt, dass heißt alles."

Der Dealer gab Glenn sein ganzes Geld, während ich in der Ecke teilnahmslos rauchend stand und wartete. Anschließend zogen wir ab und teilten die Beute. Dann kam der Tag, an dem mir im Redlight-Distrikt von Amsterdam ein Freund von Christen erzählte, die ein Haus hätten, um Süchtigen zu helfen. Wenn sich auch alles in mir sträubte, wieder einen Entzug zu machen, so waren doch diese Christen meine letzte Hoffnung. Ein junger Farbiger sagte mir in einer Cafe-Bar: "Freund, ich war auch süchtig. Nur einer kann dir helfen; Jesus Christus!"

Ich war wie gespalten. Einerseits wollte ich diese Christen aufsuchen, andererseits schreckte ich vor ihnen zurück.

Erst als man mich wieder einmal aus Knast und Psychiatrie entlassen hatte und mir klar wurde, dass ich bald einer von denen sein würde, die den Rest ihres Lebens in Nervenkliniken verbringen, suchte ich diese Christen auf.

Und sie nahmen mich auf, so wie ich war, ein Junkie. Wer wollte mich auch sonst nehmen, ohne die Frage zu stellen, wer der Kostenträger sei?

Diese Leute hatten ein schönes Haus im Norden von Holland. Dort waren Junkies, Alkoholiker, Prostituierte, Zuhälter, aber auch solche, die der Herr Jesus bereits frei gemacht hatte. Irgend einer war immer dabei, der gearade den Entzug durchmachte. Diesmal war ich es. Einer von den Christen war immer an meinem Bett, meist waren es zwei oder drei. Sie kümmerten sich um mich, erzählten mir, wie sie frei geworden waren und beteten mit mir.

Das erste christliche Buch, das ich las, war das von Nicky Cruz: "Flieh, Kleiner, flieh!" Eigentlich hätte Nicky auch meinen Namen tragen können. Mit 15 Jahren verließ er seine Familie und wurde Anführer einer Bande, weil er gemein und blutdürstig war und sich gegen jede Art von Bevormundung und Autorität auflehnte. Er besaß weder Herz noch Gefühl. Ich kannte diese Frustration, die Bitterkeit und Wut, die ihn erfüllte. Beim Lesen dieses Buches zog mein bisheriges Leben an mir vorüber und ich erkannte, daß ich wie Nicky auf einer Einbahnstraße dem Verderben entgegenlief. Genau wie er war ich ohne Hoffnung, ohne Zukunft, müde vom Rennen.

Es kamen Tage, da wollte ich nicht länger bei diesen Christen bleiben. "Den ganzen Tag beten, den Herrn preisen, Bibelstunden, Abendmahl, das halte ich nicht aus, hier werde ich nicht alt. Ich werde wieder nach Amsterdam gehen und Arbeit suchen, wenn der Entzug vorbei ist. Die Leute hier haben einfach eine fromme Macke."

Doch es kam ganz anders. Ich hatte den Entzug hinter mir und ich blieb. Und eines Tages wurde ich beim Bibellesen von Gott angesprochen durch die Worte: ". . wer zu mir kommt den werde ich nicht hinausstoßen" (Joh. 6,37). Welch ein Versprechen!

Im Gebet habe ich dann Jesus mein Herz ausgeschüttet und Ihm gesagt: "Ich kann nicht mehr, ich komme zu Dir, heile Du meine Wunden. Zeig Du Dich mir und ich will Dir nachfolgen. Ich übergebe Dir meine Sünden, mein ganzes Leben, nimm Du mich an Deine Hand."

Und Er hat mich frei gemacht. Kein Arzt, kein Psychiater, kein Psychologe, sondern allein Jesus Christus.

In Ps. 138,3 steht: "An dem Tage, da ich rief, antwortetest du mir; du hast mich ermutigt: in meiner Seele war Kraft!"

Jede irdische "Freiheit" verblendet unsere Augen und verwirrt unsere Sinne. Das Ende meiner Freiheitsgelüste war eine grausame Knechtschaft. Nur Jesus konnte diese Fesseln der Gebundenheit lösen. Ihm sei die Ehre in Ewigkeit!

Durch Seine Gnade bin ich heute völlig frei von Drogen und bin froh, daß ich jetzt ein Kind Gottes bin und nicht mehr in der Gosse liege.

Nach einem Jahr in diesem Auffangzentrum ging ich nach Deutschland zurück.

Jesus hat Großes an mir getan. Er hat mich von Depressionen frei gemacht und eine Ewigkeits-Perspektive gegeben.

Als ich von Holland nach Deutschland trampte, kam ich an einer Stelle nicht weiter. Da es kalt war, setzte ich mich in ein Telefonhäuschen, bis die Polizei kam, mich mitnahm und mir auf der Polizeistation nach der Kontrolle meiner Papiere erklärte: "Sie haben eine Geldstrafe!" Da ich sie nicht bezahlen konnte, mußte ich noch einmal ins Gefängnis. Aber diesmal ging ich als ein Kind Gottes hinein und sang Loblieder auf der Zelle, zur Verwunderung des Wärters, der mich durch den Spion beobachtete. Dort auf der Zelle konnte ich auch mit einem Junkie über Jesus Christus sprechen.

Nach der Entlassung kam ich nach München und lernte dort Christen kennen, die mich in ihre Gemeinschaft aufnahmen und mir zur Seite standen.

Gott hat mir dort in München auch einen Arbeitsplatz in einer Pizzeria geschenkt. Er hat mir geholfen und Freude und Gelingen bei der Arbeit gegeben. Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich auch echten Urlaub, weil ich zum ersten Mal längere Zeit gearbeitet hatte. Welch eine Freude zu erleben, dass meine Hände nicht nur gebraucht wurden um einzubrechen, zu stehlen und Drogen zu drücken, sondern um zu helfen.

Dennoch war es nicht immer einfach, eine Vergangenheit, wie ich sie hatte, zu bewältigen. Wunden, die soeben verheilt waren, brachen plötzlich wieder auf und ich musste leider auch einen Rückfall erleben.

Ich fuhr von München nach Amsterdam um Heroin zu kaufen und zu spritzen. Wahrscheinlich kann keiner meine Gefühle vor und nach dem Schuss verstehen und nachempfinden. Welch eine Schande, wenn einer, der von Jesus Christus befreit worden ist und Seine Freude und Seinen Frieden geschmeckt hat, wieder zur Nadel greift. Aber Gottes Liebe und Gnade ist größer als unser Versagen. Als ich so in Amsterdam in einer Bar saß und Musik hörte, tauchten plötzlich Christen auf, die dort Plakate aufhängten. Mein ganzes Elend wurde mir deutlich, aber auch die unbegreifliche Tatsache, daß keiner mich aus der Hand des Vaters im Himmel reißen kann.

Ich erzählte den Christen, daß ich ein Kind Gottes und in Sünde gefallen sei. Sie beteten mit mir und ich bekannte meinen Rückfall dem Herrn. Als ich darauf sofort zurück nach München fuhr, lagen dort meine Glaubensgeschwister auf den Knien und beteten für mich.

Von neuem durfte ich mich in die Nachfolge Jesu begeben. Noch keine Stunde habe ich seitdem meine Bekehrung bereut, im Gegenteil. Mein Leben hat Sinn und Ziel bekommen. Gott hat mich von den Drogen und anderen Gebundenheiten frei gemacht. Er hat mir ein zu Hause gegeben und ich weiß mich geborgen bei einem wunderbaren Gott, der alle Seine Versprechen hält.

Wenn Du mit einem Dealer zu tun hast, woher willst Du wissen, ob er Dir Rattengift oder Heroin angeboten und verkauft bat? Du glaubst ihm, ohne vorher zu untersuchen, ob er Dir wirklich Heroin gegeben hat. Und wie viele sind dabei gelinkt worden und haben sich in den Tod geschossen.

Jesus Christus kannst Du vertrauen.

Er lügt nicht, das haben viele Menschen in den vergangenen Jahrhunderten erfahren.

Auf Sein Wort habe ich mich verlassen und bin aus den Klauen der Sünde und Sucht gerettet worden.

Zum Schutz der Beteiligten wurden einige Namen geändert.

Übernahme ins Internet aus dem Buch: "Sehnsucht der Betrogenen" von W. Bühne
Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Bühne