Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich eine unbeschwerte Kindheit, die besonders von der Zuneigung zu meiner mich sehr liebenden Großmutter geprägt war. Da meine Eltern beide berufstätig waren, verbrachte ich die meiste Zeit bei Großmutter, die nach dem Tod meines Großvaters zu uns gezogen war. Sie war eine liebevolle Frau und fromme Katholikin, die abends regelmäßig mit mir betete, mir beim Einschlafen die Hand hielt und auch sonst für alle meine Nöte ein offenes Ohr hatte.
Großmutter sorgte auch dafür, daß ich regelmäßig zur Kirche ging; und das geschah am Sonntag mit der ganzen Familie, und zweimal in der Woche, wenn ich zum Schülergottesdienst ging. Eigentlich ging ich gerne zur Kirche und es wurde mir ein Bedürfnis, das auch nicht nachließ, als Großmutter uns wegen Arteriosklerose verlassen mußte, um von einer anderen Tochter, die nicht berufstätig war, gepflegt zu werden.
So hatte ich bereits als Kind gelernt, mit all meinen Sorgen und Ängsten im Gebet zu Gott zu gehen, Ihm alles anzuvertrauen und auch für Seine Hilfe dankbar zu sein.
Die Schule bereitete mir viel Freude. Ich hatte keine Schwierigkeiten mit dem Lernen und so fiel es mir schwer, das Verbot meiner Eltern, das Gymnasium besuchen zu dürfen, zu akzeptieren. Ich lehnte mich oft dagegen auf, kam aber gegen die Argumente meiner Mutter nicht an. Sie meinte, daß sie nicht bereit wäre, für die Finanzierung der mit dem Besuch der Schule verbundenen Kosten zu arbeiten. Schließlich käme ich aus einer Arbeiterfamilie.
Als Jugendliche verstand ich mich mit meinem Vater besser als mit meiner Mutter, obwohl beide es gut mit mir und meiner älteren Schwester meinten, und wir ein recht harmonisches Familienleben führten.
Bereits ziemlich früh begann ich, mich für Jungen zu interessieren. Das äußerte sich allerdings zunächst nur in Tag- und Nachtträumen, die aber manchmal ausarteten und wahrscheinlich ein Ergebnis der schlechten Literatur waren, die ich verschlang.
Den ersten Freund hatte ich, als ich noch nicht ganz 15 Jahre alt war. Er war fünf Jahre älter als ich und mein besorgter Vater ermahnte ihn eindringlich, nicht zu weit zu gehen. So hielten sich unsere ausgetauschten Zärtlichkeiten in Grenzen, obwohl ich manchmal Angst bekam, die Kontrolle über meine Gefühle zu verlieren.
Mit der Zeit brach diese Freundschaft auseinander, sicherlich auch dadurch bedingt, daß ich nach großem Kampf mit meinen Eltern nun doch eine weiterbildende Schule besuchen durfte und sich mir dadurch ganz neue Perspektiven öffneten. »Am 11. August Ende in Frieden«. So lautete meine Eintragung in ein kleines Buch, in das ich die wichtigsten Daten meines Lebens eintragen wollte.
Zwei Jahre lang konzentrierte ich mich nun auf meine Ausbildung und hatte weder Zeit noch Interesse, mit irgendwelchen Freunden auszugehen, wie es viele andere Mädchen meines Alters zu tun pflegten.
Aber dann trat Philipp in mein Leben. Er studierte Volkswirtschaft und fuhr täglich in dem gleichen Zug, der auch mich zur Schule brachte. Wenn ich mal ins Freibad ging, konnte ich sicher sein, daß kurze Zeit später »zufällig« sein Liegeplatz in meiner Nähe war.
Er war nicht der Mann, von dem ich träumte. Doch mit seiner Liebenswürdigkeit und Hartnäckigkeit, mit der er mich immer wieder einlud, gewann er mich schließlich.
Philipp war ein lustiger, etwas leichtsinniger aber dennoch zuverlässiger Mensch. Mit seinen 21 Jahren war er vier Jahre älter als ich und hatte bereits einige Erfahrungen mit Mädchen gehabt. So war es für ihn normal, daß er immer mehr von mir forderte und ich dadurch in einen Zwiespalt zwischen Schrecken und Neugierde geriet. Bisher hatte ich klare Vorstellungen, was sexuelle Beziehungen betraf, denn durch meine Erziehung wurden mir feste moralische Grundsätze vermittelt. Allerdings meinte ich damals, nie einen Mann heiraten zu können, ohne vorher sicher zu sein, daß wir auch sexuell harmonierten. So konnte ich mich auf die Dauer den Anforderungen Philipps nicht länger entziehen und bald hatte er Anrechte auf mich, die mir zum Teil nicht behagten, die ich aber andererseits nicht abwehren wollte, weil ich ihn immer lieber mochte.
Heute bin ich zutiefst überzeugt, daß alle außerehelichen sexuellen Bindungen Sünde sind und besonders ein Mädchen in tiefe Konflikte stürzen. in den meisten Fällen sind sie mit einer regelmäßig wiederkehrenden Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft verbunden.
Viele Psychologen bezweifeln, daß Jugendliche gefühlsmäßig in der Lage sind, eine intime Bindung einzugehen. Daß man sich mag, darf niemals ein Grund dafür sein, sich sexuell Freiheiten zu erlauben, die einzig in dem Schutz und in der Geborgenheit einer Ehe zur wirklichen Freude und Erfüllung führen können.
Nun zurück zu Philipp und mir. Wieder einmal hatte ich Angst, schwanger zu sein, und Philipp erhielt von seiner Mutter höchst zweifelhafte Ratschläge wie: Rotwein trinken, heiße Bäder nehmen, über holprige Feldwege fahren. Und wenn das alles nichts nütze, wisse sie auch, wo man bestimmte Tabletten kaufen könne.
Ich schämte mich schrecklich vor Philipps Eltern!
Nachdem ich alle diese Ratschläge befolgt und auch die Tabletten geschluckt hatte, merkte ich, daß alle Aktionen unnötig waren. Ich war nicht schwanger, sondern meine Periode kam mit Verspätung. Ein Arzt, den ich daraufhin aufsuchte, verschrieb mir dann die Anti-Baby-Pille mit dem Hinweis, wenn ich später Kinder bekommen möchte, sollte ich nach zwei Jahren eine Pillenpause einlegen.
Genau während dieser »Pillenpause« wurde ich schwanger! Ausgerechnet ich, die hochfliegende Ideen im Kopf hatte, die Ehre, Abwechslung und Abenteuer suchte!
Ein Kind - das Ende aller Träume!
Was sollten Verwandte, Freunde, Lehrer, die ganze Stadt von mir denken?
Ich schämte mich. Was sollte ich tun?
Philipp reagierte, wie ich es erwartet hatte. Er wollte kein Kind! Er hatte sich nach seinem Studium für zwei Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet und ich hatte noch keine Berufsausbildung. Die Entscheidung fiel:
»Du mußt das Kind ,wegmachen' lassen!«
Ich war verzweifelt. Ich wußte, daß Abtreibung Sünde ist, aber ich wußte nicht, was ich nun tun sollte. Vielleicht stimmte es doch, daß ein Embryo in den ersten Lebenswochen noch kein Mensch ist! Aber wie wird abgetrieben? Wer bezahlt das alles und was geschieht, wenn bei der Abtreibung etwas falsch läuft?
Diese und viele andere Fragen quälten mich, und meine Angst vor Spritzen, Schmerzen und all dem, was eintreten konnte, war groß.
Aufkommende Gedanken an das große Unrecht, das ich begehen würde, verdrängte ich. Mein zukünftiges Leben und die Ehre vor den Menschen waren mir wichtiger. Dazu kam, daß Philipp und seine Eltern etwas anderes als Abtreibung gar nicht erst in Betracht zogen. Außerdem war ich für sie ohnehin nicht die Schwiegertochter, die sie sich wünschten. Sie hätten lieber gesehen, wenn die Frau ihres Sohnes eine anständige Menge Geld mit in die Ehe gebracht hätte.
Meine Eltern zog ich anfangs nicht ins Vertrauen, weil mir die Angelegenheit äußerst peinlich war. Vor allem schämte ich mich vor meinem Vater. Als wir meine Eltern schließlich auch einweihen mußten, war Vater der einzige, der die Abtreibung ablehnte und erklärte, daß er seine Einwilligung nie geben würde.
Noch heute tut es mir sehr leid, daß wir ihn schließlich mit viel Mühe überredet haben, doch einzuwilligen. Auch hier fühlte ich mich schuldig, meinen Vater veranlaßt zu haben, gegen sein Gewissen zu handeln.
Philipps Mutter besorgte dann die Adresse eines Arztes, den wir eines Nachmittags konsultierten. Sie hatte alles in die Hand genommen und redete auch zuerst mit dem Arzt, der von allem nichts wissen wollte, ihr aber dann doch auf ihr Drängen die Adresse eines Kollegen gab.
Telefonisch verabredeten wir einen Termin mit diesem Arzt, der aber zuerst ein Attest meines Hausarztes über meine körperliche Verfassung verlangte. Weiter gab er uns die Adresse eines Psychiaters, der sowohl mich, meinen Vater und Philipp sprechen wollte.
Der Gang zu unserem alten Hausarzt fiel mir schwer, denn er kannte mich von klein auf. Ich wußte, daß ich nur durch hartnäckiges Lügen zu meinem Attest kommen konnte und so log ich, daß Philipp mich überrumpelt habe, daß ich niemals ein Kind von ihm haben wollte und ihn auch nie heiraten würde.
Ich bekam das Attest.
An einem sonnigen Apriltag fuhren Philipp und ich mit meinem Vater nach München, um das psychiatrische Gutachten erstellen zu lassen.
Ich wurde als erste in das Sprechzimmer gerufen. Wieder erzählte ich nur negatives über Philipp und stellte besonders heraus, daß ich weiterhin zur Schule gehen und mein Abitur machen wolle. Philipp sei mir von seinem Niveau her zu primitiv und ich wollte nie wieder etwas mit ihm zu tun haben.
Als Philipp an der Reihe war, betonte er, daß er sich auf gar keinen Fall an mich binden werde und für ihn diese Liebschaft sowieso beendet sei.
Später kam mein Vater aus dem Sprechzimmer, aber er wollte über sein Gespräch mit dem Psychiater nichts sagen. Man sah ihm deutlich an, daß man ihn in eine Rolle gedrängt hatte, die ihm auf das äußerste zuwider war. Erst später erzählte er mir von den Ausführungen des Psychiaters: Philipp und ich seien von solch unterschiedlichen Charakteren, daß eine glückliche Bindung ausgeschlossen sei und außerdem halte er Philipp für einen unzuverlässigen, leichtsinnigen Menschen. Ich solle unbedingt mein Abitur zu Ende machen.
Unser verlogenes Spiel brachte mich in den Besitz des psychiatrischen Gutachtens.
Wenige Wochen später war es dann soweit. Auf Verlangen des Arztes, der die Abtreibung vornehmen wollte, fuhr ich nüchtern und mit furchtbaren Ängsten im Herzen mit Philipp nach München.
Philipp lieferte mich bei dem Arzt ab. Eine alte, unfreundliche Sprechstundenhilfe führte mich in ein kahles, weiß-getünchtes Zimmer und erklärte mir, ich solle mich bis aufs Hemd frei machen und warten. Dann ließ sie mich allein.
Da stand ich, frierend und voller Angst. »Hilf mir, 0 Gott! Ich kann nicht anders!«, so betete ich vor der schwersten Sünde meines Lebens.
Es schien mir eine Ewigkeit zu dauern, bis endlich der Arzt kam, ein alter, abweisender Mann. Er gab mir eine Spritze, die mich müde machen sollte. Aber sie wirkte nicht, und so zitterte ich am ganzen Körper und verkrampfte mich. Der Arzt konnte mir die Angst vom Gesicht ablesen. Aber endlich war alles vorbei.
Philipp hatte mich vor dem Betreten der Praxis gebeten, unbedingt zu fragen, ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden wäre. Obwohl mir diese Frage nicht behagte, stellte ich sie dem Arzt. Ein vorwurfsvoller Blick dieses alten Mannes war die einzige Antwort. Erst in diesem Moment wurde mir bewußt, daß, wenn man danach fragt, es sich um einen Menschen gehandelt haben muß.
Mir war elend.
Der Arzt hatte mich, so empfand ich es jedenfalls, mit Verachtung behandelt. Und genau die hatte ich verdient! Ich konnte ihn gut verstehen. Zwei Stunden mußte ich nach dem Eingriff auf einer Couch liegenbleiben. Danach holte mich Philipp ab und bezahlte die vereinbarten 900 DM. Ich fühlte mich noch sehr benommen und sackte im Treppenhaus zusammen. Philipp schleppte mich zum Auto und ich mußte mich übergeben
Danach wurde die Abtreibung totgeschwiegen.
Aber sie hat meiner Seele und meinem Leib geschadet, so daß ich mich in Behandlung begeben mußte und eine Ausschabung vorgenommen wurde.
Das physische Wohlbefinden stellte sich wieder ein, aber psychisch hatte ich noch viele Qualen zu erleiden.
Drei Jahre nach dieser Abtreibung - wir hatten uns in-zwischen verlobt - wollte ich wieder eine Pillenpause einlegen. Schließlich wollte ich später mehrere Kinder bekommen. Ich mochte Kinder sehr gern und träumte davon, später einmal eine Großfamilie zu gründen. Nun, das »später« kam früher als erwartet. Ich wurde wieder schwanger, hatte meine Ausbildung zwar noch nicht beendet, wollte aber auf gar keinen Fall ein zweites Mal abtreiben.
So heirateten Philipp und ich und zogen in eine nette Kleinstadt. Im Hochsommer war es dann soweit: Wir bekamen einen gesunden Jungen.
Unsagbar glücklich und froh verbrachte ich die erste Nacht nach der Geburt. Ich dachte nicht an Schlaf und konnte Gott immer nur aus vollem Herzen danken! '
Die ersten Monate hatten wir sehr viel Freude an unserem Baby.
Doch eines Tages fiel mir eine Zeitschrift in die Hände, die sich mit Kindesmißhandlungen auseinandersetzte und beschrieb, wie grausam Mütter und Väter zu ihren Kindern waren, ja, daß manche Kinder sogar von ihren Eltern getötet wurden.
Ein panischer Schrecken überfiel mich. War ich besser als diese Eltern?
Hatte ich nicht auch ein Kind in meinem Leib getötet?
War ich eine Mörderin?
Angst vor mir selber überkam mich und ich sah mich in einem Licht, wie ich mich bisher noch nie gesehen hatte. Ich empfand Abscheu und Ekel mir selbst gegenüber. War ich noch normal? Könnte ich jederzeit so etwas wieder tun?
Mein Leben war plötzlich verändert. Ich sah mich als Kindesmörderin und es begann ein Teufelskreis belastender Gedanken, die mir Freude, Liebe und Lebenslust nahmen. Ich bekam Depressionen und hatte Angst, lange allein zu sein.
Vor allem wollte ich nachts nicht mit meinem Kind alleine sein. Ich hatte panische Angst durchzudrehen, meinem geliebten Kind wehzutun oder mir selbst etwas anzutun. Schlimm war, daß ich mich nicht mehr freuen konnte, ich hatte keinen Grund mehr zu lachen, fühlte mich ungeliebt und meinte, daß ich auch keine Liebe verdient hätte.
Philipp merkte natürlich meine Veränderung und führte sie darauf zurück, daß mich Kind und Haushalt allein nicht erfüllen würden. So gab er sich viel Mühe, mit mir Ausflüge zu unternehmen, mich zu zerstreuen und mir soviel Abwechslung wie möglich zu bieten. Nach der Untersuchung sagte der Arzt, daß ich den Knoten, der mir Sorge bereitete, auf jeden Fall entfernen lassen müsse, er ihn aber für gutartig halte. Ich solle mit meinem Mann darüber sprechen und mir Gedanken machen, wo ich den Eingriff vornehmen lassen wolle. Gegen Tränen kämpfend verließ ich seine Praxis und fuhr zu meinem Hausarzt.
Es war eine Zeit voller Unrast, in der wir keine Gelegenheit ausließen, zu feiern und uns mit Alkohol zu stimulieren. Auf diese Weise versuchte ich, mein Gewissen zu beruhigen und meine Angst zu verdrängen. Aber sie lauerte mir weiter auf und überfiel mich, sobald ich alleine war. Deshalb unternahm ich auch alles, um nicht allein sein zu müssen. Wenn mein Mann aus beruflichen Gründen auswärts übernachten mußte, überredete ich eine Freundin, über Nacht bei mir zu bleiben.
Zwei Jahre hielt dieser Zustand an, bis sich in mir der Wunsch breit machte, ein zweites Kind zu bekommen. Vielleicht hätte ich dann auch weniger Zeit zum Grübeln.Mit Philipp konnte ich nicht reden, da er für ein paar Tage geschäftlich im Ausland war und ich durch das Telefon nicht über meine Befürchtungen sprechen wollte.
Zweieinhalb Jahre nach der Geburt unseres Sohnes bekamen wir ein kleines Mädchen. So glücklich ich bei der Geburt unseres Sohnes war, so unglücklich war ich bei der Geburt unserer Tochter. Vielleicht lag es auch daran, daß man einen Kaiserschnitt durchführen mußte und ich mich totkrank fühlte.
Nach 14 Tagen Krankenhausaufenthalt konnte ich mit meiner Tochter wieder nach Hause. Mein Sohn, den die Schwiegereltern betreut hatten, freute sich riesig und auch ich konnte mich wieder freuen!
Das Baby und unser sehr lebhafter Sohn brauchten sehr viel Zeit. Doch nach einigen Monaten wurde alles wieder zur Routine. Die Ängste kamen zurück, schlimmer als je zuvor.
Oft saß ich untätig herum und meine Gedanken kreisten um mich und meine Schuld. Ich hatte Angst, verrückt zu werden. Keinem, auch nicht meinem Mann, hatte ich den wahren Grund meiner Ängste mitgeteilt. Ich überlegte, zu einem Psychiater zu gehen, wußte aber auch, daß ich ihm die wirkliche Ursache meiner Depressionen niemals sagen würde.
Von meinem Hausarzt bekam ich Psychopharmaka. Ich testete es und siehe da, es half. Alle Angst war weg - nur fühlte ich mich ein wenig berauscht. Als ich meinte, durch dieses Medikament meine Persönlichkeit und meine Selbstkontrolle zu verlieren, setzte ich es ab.
Etwa zu dieser Zeit begannen wir, in unserem Heimatort ein Eigenheim zu bauen. Es war eine zeitraubende und beschäftigungsreiche Bauzeit von 10 Monaten. Ungern trennte ich mich von unseren neugewonnenen Freunden. Jedoch die Aussicht auf das neue Haus und den Garten, sowie der Trost, meine Eltern in der Nähe zu wissen, erleichterten den Umzug.
Nun begann die schlimmste Zeit. Unser Haus stand einsam in einem Neubaugebiet und für unseren Sohn gab es keine Spielkameraden. Mein Mann war aus beruflichen Gründen oft mehrere Tage unterwegs, so daß meine Depressionen immer heftiger wurden. Manchmal konnte ich nicht mehr klar denken.
In dieser Not begann ich inständig zu Gott zu beten. Mein religiöses Leben, das in den letzten Jahren brach gelegen hatte, wurde neu belebt. Regelmäßig ging ich wieder zur Kirche. Aber auch dort hatte ich Angst, plötzlich unkontrolliert losschreien zu müssen.
Dann kam der Abend, an dem ich Philipp unter Tränen den ganzen Kummer meines Lebens erzählte, weil ich völlig am Ende war. Er nahm mich in seine Arme und versuchte mich zu trösten. Er schlug vor, daß ich mir wieder eine Arbeit besorgen sollte, um mich abzulenken, aber ich wußte, daß dieser Vorschlag nur kurze Zeit helfen würde.
Eines Tages bekam ich durch meinen Sohn, der jetzt einen Kindergarten besuchte, Kontakt zu der Mutter eines neugewonnenen Freundes. Sie war eine überzeugte Christin und fragte mich, ob sie mir einmal etwas zu lesen bringen dürfte. Als ich freudig bejahte, brachte sie mir kurz darauf das Buch »Jesus unser Schicksal« von Pastor Wilhelm Busch aus Essen.
Dieses Buch führte mich zu Jesus Christus.
In Ihm erkannte ich den, der für meine Sünden und auch für meine Abtreibung am Kreuz gestorben war. Ich lernte den Sohn Gottes kennen, der treu und gerecht ist, und unsere Sünden vergibt, wenn wir sie bereuen und bekennen - Ihn der alles neu macht. Ohne Eigenleistung, nur aus lauter Gnade!
Er war meine Hilfe und Rettung. Alle meine Schuld und meine Ängste gab ich in Seine Hände. Das war keine »Beichte«, wie ich sie früher erlebt und praktiziert hatte. Das war Sündenvergebung, die frei macht. Ich faßte den Entschluß, mein Leben dem Herrn Jesus zu übergeben. Er wurde für mich der Weg, die Wahrheit und das Leben! Nur durch Seine Erlösung konnte ich mit allem fertig werden und fand den Weg zu Gott.
Voller Freude las und studierte ich nun die Bibel, weil ich alles genau wissen wollte. Gott half mir, Sein Wort zu verstehen und in einem kindlichen Glauben anzunehmen. Ich legte mein Leben mit allen Gedanken und Träumen, mit meinem Reden und Handeln in Seine Hand. Ich bat Ihn um Führung und treu Seiner Verheißung erfüllte Er mir meine Bitte.
Doch einige Jahre später wurde mein Glaube an Jesus Christus auf die Probe gestellt - ich erkrankte an Krebs.
Bevor die genaue Diagnose gestellt wurde, verdrängte ich meine aufsteigende Angst mit dem Gedanken, daß ich mich erst vor kurzem einer Krebsvorsorgeuntersuchung unterzogen hatte. Mein Vertrauen auf Gott war groß. Ich war Sein Kind und wußte, daß Er mich vor allem Bösen bewahren würde.
Seit meiner Bekehrung war es mir ein Bedürfnis geworden, jeden Tag mit Gebet und Bibellesen zu beginnen. Ich legte Gott im Gebet alle Menschen ans Herz, die mir lieb waren und Fürbitte nötig hatten, dankte für Seine Güte in meinem Leben und bat Ihn, nun durch Sein Wort zu mir zu sprechen. Meistens hielt ich es so, daß ich zwei Seiten aus dem Alten Testament und mindestens vier Kapitel aus dem Neuen Testament las.
Eines Morgens las ich im Alten Testament etwas über Krankheit - leider kann ich mich heute nicht mehr an die genaue Textstelle erinnern - und hatte den starken Eindruck, daß Gott mich erinnern wollte, zum Arzt zu gehen. Ich legte die Bibel zur Seite, rief meinen Gynäkologen an und bekam von dem sonst sehr beschäftigten Mann einen Termin für den nächsten Morgen.
Mein Hausarzt machte mir sehr nüchtern klar, daß ich mich mit einer Operation befassen müsse, falls der Knoten bösartig wäre. Die Tragweite einer möglichen Krebserkrankung wurde mir erst jetzt völlig bewußt. Ich ging nach Hause, fiel auf meine Knie und bat Gott inständig, mir zu helfen, mich zu bewahren und zu führen.
Drei Tage später kam Philipp von der Geschäftsreise zurück. Bis dahin hatte ich mit keinem Menschen über meine Erkrankung gesprochen. Es tat gut, ihm alles zu erzählen und schon am nächsten Tag bekamen wir Termine in den uns empfohlenen Kliniken. Wir fuhren gemeinsam dorthin. In der ersten Klinik wagte der Chefarzt die
Aussage, daß der Knoten seiner Meinung nach zu 90% gutartig sei und ich seinen vierwöchigen Urlaub abwarten solle, um mich dann von ihm operieren zu lassen.
Die Vorstellung, meine Ängste noch vier Wochen mit mir herumschleppen zu müssen, behagte mir absolut nicht. So fuhren wir zu einer anderen Klinik. Der Oberarzt gab sich viel Mühe, uns alles genau zu erklären. Seine Frage, wann ich mich zu einer Operation entschließen könne, erwiderte ich mit einem klaren »sofort«. So wurde der Operationstermin auf den übernächsten Tag festgelegt.
Als ich am Abend den Kindern mitteilte, daß ich ins Krankenhaus mußte, waren sie sehr betroffen, da sie ja von allen meinen Sorgen nichts mitbekommen hatten. Meine Tochter weinte und ich mußte sie lange trösten. Wir beteten zusammen und das half ihr und mir. Vor der Abfahrt drückte mir meine Tochter zwei Briefe in die Hand. Einen sollte ich vor und den anderen nach der Operation lesen.
Zuversichtlich kam ich in der Klinik an, brachte die erforderlichen Untersuchungen hinter mich und machte dann noch einen ausführlichen Spaziergang. Während dieser Zeit war ich fast ständig im Gebet. Es war nicht ein andauerndes Flehen um Gesundung, sondern ein vertrauensvolles Beten in dem Bewußtsein, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten dienen. Wie es auch kommen würde, alles lag in Gottes Hand. Ich konnte ganz fest auf meinen Herrn vertrauen, das wußte ich und diese Gewißheit machte mich ruhig, ja fast glücklich.
In meinem Zimmer waren noch zwei andere Patientinnen untergebracht, eine Türkin und eine Frau in meinem Alter. Vor dem Schlafen las ich noch lange in meiner Bibel, danach verbrachte ich eine gut durchschlafene Nacht und wachte am anderen Morgen ohne Angst vor dem Kommenden auf.
Keine Angst vor der Operation zu haben, war für mich ein Wunder, da mich schon eine Spritze in Angst zu versetzen vermag. Den Brief meiner Tochter las ich, bevor man mich in den OP brachte. Sie schrieb, ich solle mir keine Sorgen machen, sie bete »ganz arg« für mich, würde mich besuchen kommen und sich nicht mit ihrem Bruder streiten. Sie habe mich und ihren Papa sehr lieb und würde alles in meiner Abwesenheit in Ordnung halten. Mit ihren zehn Jahren gab sie sich wirklich alle Mühe, mir Freude zu machen.
Guten Mutes und im Vertrauen auf meinen Herrn kam ich in den OP. Zur Länge der Operation hatte mein Arzt gesagt, daß bei einem bösartigen Knoten die Operation eine halbe Stunde, im anderen Fall etwa zwei Stunden erfordern würde.
Als ich nach der Operation langsam wieder zu mir kam, hörte ich, wie jemand die Uhrzeit nannte. Ich war über zwei Stunden im OP gewesen. Ich hatte Krebs!
Obwohl ich noch benommen war, merkte ich, daß ich meinen Tränen freien Lauf ließ und mir jemand mit einem warmen Tuch zärtlich immer wieder das Gesicht abwischte. Ich erfuhr, daß es die türkische Frau in meinem Zimmer war. Diese Wohltat werde ich nie vergessen.
Als ich wieder ganz wach war, befand sich auch Philipp an meinem Bett. Es war auch für ihn ein gewaltiger Schlag und ich fühlte, daß er mir mit seiner Liebe helfen wollte. Gott hat uns auch die Bewährung unserer Liebe durch diese Krankheit geschenkt. Wir waren uns so nah, wie sonst selten zuvor. Schon durch das Telefon spürte Philipp, daß ich ihn jetzt brauchte und so kam er oft zweimal am Tag, um mich zu besuchen.
Inzwischen hatte ich auch den zweiten Brief meiner Tochter gelesen. Auch dieser Brief war sehr lieb geschrieben, auch unser Junge hatte unterzeichnet und ich wußte, daß beide mich sehr vermißten, und so wollte ich mit Gottes Hilfe versuchen, bald wieder bei ihnen zu sein.
Bei diesem Klinikaufenthalt wurde ich wie nie zuvor in meinem Leben mit Liebe überschüttet. Auch die Krankenschwestern waren sehr fürsorglich und so hatte ich viel Grund zum Danken. Den Besuchern, die zu mir kamen, konnte ich von der Liebe Gottes erzählen, wie Er mir meine Angst genommen, mich wirklich während dieser ganzen Zeit getragen und sich als der gütige, barmherzige Gott erwiesen hatte. Manchmal hatte ich direkt überglückliche Momente, ich hatte Lob und Danklieder auf den Lippen und im Herzen.
Nach zwei Wochen wurde ich aus der Klinik entlassen. In der Zeit meines Aufenthaltes dort hatte ich mich mit allen möglichen Behandlungsmethoden bei einer Krebserkrankung befaßt. Alle meine Entscheidungen, sei es die Wahl des Arztes oder der Behandlungsmöglichkeit brachte ich erst vor Gott. Auf Ihn setze und setze ich mein Vertrauen und bei allen Wegen, die ich gehen muß, will ich mich nach Seinem Willen richten.
Zuhause wurde ich mit soviel Liebe empfangen, als wäre ich eine sehr lange Zeit weggewesen. Meine Tochter hatte ein großes Willkommensbild gemalt und mit ihrem Bruder die Wohnung geschmückt. Ich empfand die Liebe zu meiner Familie fast schmerzlich.
Eine Woche später fuhr ich bereits zu meinem ersten Bestrahlungstermin. Allein in einem Raum unter der Kobaltbombe, fühlte ich mich doch nicht alleingelassen. Der Herr war bei mir, das wußte ich und manchmal konnte ich Loblieder singen.
Meine Zukunft liegt nun in Gottes Hand und wenn Ängste und Bedenken mich beunruhigen, dann denke ich an all die Wohltaten Gottes und bitte Ihn um Vergebung, daß ich in dunklen Stunden versucht bin zu tun, als ob Er nicht da wäre, Er, der sich mir in Seiner ganzen Liebe erwiesen hat.
Denn ich bin überzeugt, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe, noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.
Röm. 8,38,39
Zum Schutz der Beteiligten wurden einige Namen geändert.
Übernahme ins Internet aus dem Buch: "Zum Dasein verflucht?" von W. Bühne
Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Bühne